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Der Marler Andreas Christoph Schmidt im Interview: "Widerspruch ist meistens belebend"

Heinz-Peter Mohr 08. März 2017 19:02

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    Andreas Christoph Schmidt. Grimme-Preis 2017 für SCHATTEN DES KRIEGES. Foto: Torsten Janfeld 20170308

MARL Vor 75 Jahren überfiel die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion. Ein mörderischer Krieg begann, in dem Millionen ihr Leben verloren. Wie die Grimme-Preisträger Artem Demenok und Andreas Christoph Schmidt in „Schatten des Krieges“ (rbb/NDR) zeigen, will in Russland heute kaum jemand wissen, wie es wirklich war.

Mit riesigen Betonmonumenten wurden Helden gefeiert – vor allem von der sowjetischen Propaganda erfundene. Davon erzählt Demenok. Der aus Marl stammende Andreas Christoph Schmidt dokumentiert eines der größten Kriegsverbrechen: die Vernichtung von drei Millionen Soldaten der Roten Armee in Gefangenenlagern der deutschen Wehrmacht. Wir sprachen mit ihm über seine Arbeit.

Sie erinnern in Ihren Filmen an Geschichte, die viele am liebsten verdrängen. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Politiker wie Björn Höcke die „dämliche Schuld-Kultur“ anprangern und dafür Applaus bekommen?
Ganz viel. Natürlich haben wir keine dämliche Schuld-Kultur. Aber mich wundert nicht, dass Figuren wie Höcke auf die Bühne gekommen sind. Die Frage der nationalen Verantwortung und Schuld ist komplex. Es ist einer der guten Züge in unserem Land, dass wir uns so intensiv damit auseinandergesetzt haben. Ich finde Widerspruch nicht immer destruktiv, meistens auch belebend.

Hat Ihr Film eine Chance, in Russland gezeigt zu werden?
Das hatte ich geglaubt, zumindest beim zweiten Teil, den ich gemacht habe. Es gibt eine russisch untertitelte Fassung. Sie wurde nicht akzeptiert. Die Ablehnung dieses Themas ist immer noch stärker als das Interesse der Russen am Verbleib ihrer Soldaten.

Sie beleuchten in mehreren Filmen das deutsch-russische Verhältnis. Was fasziniert Sie an Russland?
Das kam einfach so. Am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Marl hatte ich die Wahl zwischen Französisch und Russisch als zweiter Fremdsprache. Ich war der einzige, der Französisch gewählt hatte und musste mit in den Russisch-Kurs. Was gut war: Liebetraut Weichert war die Mutter unserer Klasse.

Wie oft sind Sie noch in Marl?
Meine pflegebedürftige Mutter ist 2015 gestorben. Bis dahin besuchte ich sie dauernd in Marl. Nach ihrem Tod habe ich gedacht, das Buch ist zugeklappt.

Wie erleben Sie die Stadt heute?
Bedrückend. Leider. Marl war ein großes Projekt. Da war so ein Zauber. Viele Ecken und Winkel, die mit dem eigenen Glück und Abenteuer zu tun hatten, finde ich gar nicht wieder.

 

Der Autor und Regisseur Andreas Christoph Schmidt (59) ist in Herten geboren und in Marl aufgewachsen. Nach seinem Staatsexamen ging er an die Filmhochschule Moskau. Für seine Dokumentationen, in denen er intime Erinnerungen von Zeitzeugen mit Propaganda und historischen Dokumenten kombiniert, wurde er mehrfach ausgezeichnet. Als Produzent der Biografie von Fritz Lang erhielt er 2007 den Grimme-Preis.

 

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