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Unkonventionell: Schauspieler Tom Schilling singt

Von Werner Herpell, dpa 21. April 2017 06:10

Berlin (dpa) Wenn bekannte Schauspieler Musik machen, wetzen Kritiker gern die Messer. Nun singt auch «Oh Boy»-Darsteller Tom Schilling. Er versucht es mit einem unkonventionellen Album - und ist ziemlich stolz darauf.

Dass Tom Schilling keines der üblichen deutschen Songwriter-Alben mit Liebesleid- und Betroffenheitslyrik machen wollte, klärt er schon in den ersten Textzeilen seines Debüts.

«Trink endlich aus, und dann mach, dass Du gehst/Nimm Dir den Koffer, pack alles ein, und mach, dass Du gehst», ätzt der Berliner Schauspieler zu einem struppigen Rumpelrhythmus.

Und weiter geht es im Opener von «Vilnius» mit dem verbalen Großreinemachen: «Deine Sätze sind hohl, Deine Versprechen sind leer/Und schön find ich Dich schon seit Jahren nicht mehr.» Harte Worte, täuschend sanft gesungen von dieser typischen, hellen Tom-Schilling-Stimme. «Kein Liebeslied» gibt als bewusst fiese Hass-Hymne die Richtung vor für eine unkonventionelle Platte, wie sie nicht vielen der irgendwann auch noch singenden deutschen Schauspieler gelingt.

Mit Filmen wie «Crazy» (2000), «Elementarteilchen» (2006) oder «Der Baader Meinhof Komplex» (2008) hatte sich Schilling bereits einen Ruf erworben, als ihm mit der Streuner-Komödie «Oh Boy» (2012) der Durchbruch gelang. Zuletzt überzeugte der 35-Jährige in den TV-Serien «Unsere Mütter - unsere Väter» und «Der gleiche Himmel». Aber musste er deswegen nun unbedingt singenden Kollegen wie Jan Josef Liefers oder Matthias Schweighöfer folgen?

Ja, sagt Schilling im Interview der Deutschen Presse-Agentur - weil «Vilnius» Musik enthalte, «die anders ist als was es schon gibt». Er habe lange mit sich «gehadert, ob das wirklich nötig ist», aber jetzt stehe er hundertprozentig dazu. «Die Band, der Produzent, ich selbst - wir denken, dass die Platte für uns unangreifbar ist.» Auch wenn er natürlich wisse, dass die meisten musizierenden Mimen für ihren Nebenjob Kritiker-Prügel beziehen.

Schillings Band - das sind The Jazz Kids. Der Schauspieler traf die Musiker bei den Dreharbeiten zu «Oh Boy», dessen Soundtrack sie damals noch als Major Minors einspielten. Im Widerspruch zu ihrem neuen Bandnamen machen sie auf «Vilnius» aber keinen Jazz. Sondern Gossenwalzer im Stil von Element Of Crime («Genug», «Ballade von René») und düstere Moritaten wie Nick Cave («Draußen am See», «Kalt ist der Abendhauch»). Und ja, auch einige echte Liebeslieder sind dabei wie «Schwer dich zu vergessen» und «Ja oder Nein», das Duett mit der guten Freundin Annett Louisan.

Schilling sieht es als glücklichen Zufall an, dass er «diese tollen, unglaublich begabten, jungen Jazzmusiker kennengelernt habe, die meine Freunde wurden». Es ging erstmal auch gar nicht um eine gemeinsame Platte. «Da war kein Masterplan im Raum.»

Unter der Regie des Produzenten Moses Schneider (Beatsteaks, Tocotronic, AnnenMayKantereit) nahmen Tom Schilling & The Jazz Kids schließlich Lieder auf, die ihre schon erwähnten Vorbilder nicht leugnen, aber doch eigenständig klingen. Der Schauspieler war schon früh an Musik interessiert: «Als ich im Autoradio mit meinen Eltern zum ersten Mal Leonard Cohen gehört habe, hat mich das mehr angesprochen als Phil Collins.» Außerdem habe ihn «Rammstein als Band und Till Lindemann als Texter extrem geprägt. Die Sprache, der Sound seiner Worte.»

Schilling kennt seine Grenzen als Musiker: «Ich bin kein toller Sänger, auch kein toller Gitarrist.» Er hätte mit einem Selbstporträt auf dem Albumcover den Absatz von «Vilnius» wohl ankurbeln können - stattdessen sieht man dort eine graue Meeresimpression von Gerhard Richter, dem berühmtesten deutschen Gegenwartsmaler. «Es ist eine Platte, die ohne Kalkül entstanden ist», sagt Schilling. «An der Platte ist alles persönlich aufgeladen. Dafür brauchte es auf der Plattenhülle nicht mein Gesicht, das nicht viel erzählt.»

Sogar etwas Gesangsunterricht hat Schilling für sein sehr ernsthaftes Debüt genommen. «Da freut sich die Band, wenn ich nicht so schief singe», sagt er. Diese ehrlich wirkende Bescheidenheit macht «Vilnius» zu einer sympathischen Sache. Trotz kleiner Schwächen - die Coverversion des Bettina-Wegner-Protestliedes «Kinder (Sind so klein die Hände)» hätte nicht unbedingt sein müssen - ergibt dieses Schauspieler-Album Sinn.

Wie es mit der Sängerkarriere nun weitergeht? Da legt sich Tom Schilling noch nicht fest: «Ich denke, auch weil die Platte so viel Kraft gekostet hat, dass ich erstmal am Ende bin. Es wird bestimmt fünf Jahre dauern, bis ich wieder genug Lieder geschrieben habe. (...) Also wenn noch mal eine Platte entsteht, dann entsteht sie - und wenn nicht, dann soll diese die einzige gewesen sein.» Dann könne er immerhin stolz auf «Vilnius» sein.

Konzerttermine im Mai: 02.05. Hannover, Musikzentrum; 03.05. Münster, Gleis 22; 04.05. Leipzig, UT Connewitz; 05.05. Gera, Songtage; 07.05. München, Strøm; 08.05. Heidelberg, Karlstorbahnhof; 09.05. Frankfurt/Main, Brotfabrik; 10.05. Köln, Stadtgarten; 11.05. Hamburg, Nochtspeicher; 12.05. Berlin, Columbiatheater

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