Hertener Allgemeine Medienhaus Bauer

Steven Wilson im Colloseum: Gute Musik von A wie ABBA bis Z wie Zappa

Oliver Prause 06. März 2018 13:24

  • Teaserbild

    Steven Wilson begeisterte am Montag rund 1400 Besucher im ausverkauften Essener Colloseum.

Essen Neulich fragte mich ein Kollege, nachdem ich ihm euphorisch meine neuesten Konzertpläne für das Colloseum in Essen verraten hatte: „Wer ist denn dieser Steven Wilson?“ Was gar nicht so leicht zu beantworten war: Der 50-Jährige ist wahrscheinlich der meist beschäftigte Musiker weltweit - bleibt gleichzeitig aber ein Unbekannter. Er stürmt mit seinen Alben die Charts, ohne dass die breite Öffentlichkeit viel davon mitbekommen würde. Und füllt auf seinen Tourneen auch größere Arenen mühelos bis auf den letzten Platz - wie es sonst nur die Altstars der Rockszene zu schaffen vermögen.

Damit nicht genug: Wenn Wilson mal nicht auf Tour ist, schreibt er neue Songs für kommende Werke, produziert andere Bands oder remixt Alben von Jethro Tull, Emerson, Lake & Palmer und Gentle Giant, um nur einige seiner unzähligen Kunden zu nennen.

Deren klassischen „Progressive Rock“ zu modernisieren und für die Neuzeit - unter anderem in Surround-Sound - aufzupäppeln - das hat sich der Brite auch für sein eigenes Schaffen auf die Fahnen geschrieben. Bisher zumindest: Denn auf seinem neuesten Album "To The Bone" kommen auch andere Klangfarben, abseits der rockigen Pfade, hinzu. Kurz gesagt: Wilson macht nun Musik von A wie Abba über K wie King Crimson bis hin zu Y wie Yes.

Wobei Z wie (Frank) Zappa auch nicht unpassend ist, um den Briten momentan zu charakterisieren: Wie einst der große Avantgarde-Künstler gibt Wilson auf der Bühne des Colloseums den Zeremonienmeister, gestikuliert wild mit den Händen, dirigiert damit seine überaus kompetente vierköpfige Band während ihres fast dreistündigen Parforce-Ritts durch die verschiedensten Stilrichtungen.

Fünf Songs von Porcupine Tree

Für die meisten der rund 1400 Besucher des seit Monaten ausverkauften Konzerts – auch für den Zusatzauftritt am heutigen Dienstag gibt es längst schon keine Tickets mehr – zählt im schier unerschöpflichen Alphabet Wilsonscher Kreativität aber vor allem der Buchstabe „P“. Der steht nicht nur für „Prog Rock“, sondern auch für „Porcupine Tree“. Mit seiner ehemaligen Gruppe stand der jetzt 50-Jährige kurz vor dem großen Durchbruch - nur um 2010 ausgelaugt vom Tournee-Stress eine längere kreative Pause zu verkünden.

Aus der Auszeit ist nun eine Solo-Karriere geworden. Porcupine Tree sind endgültig Geschichte, auch wenn so mancher das noch nicht wahrhaben möchte. Immerhin gibt Wilson den Fans der ersten Stunde, was sie wollen: Nicht weniger als fünf PT-Songs spielt er in Essen – und überrascht sogar mit dem düsteren „The Creator Has A Mastertape“, das seine Ur-Band selbst nur ganz selten in ihren Setlists hatte.

Aber natürlich steht „To The Bone“ an diesem Abend im Mittelpunkt. Auf seinem neuen Album vereint der Brite erstmals alle Elemente seiner vielfältigen musikalischen DNA, zu der neben den oben erwähnten Künstlern auch Kate Bush und Peter Gabriel gehören. Nachzuhören ist dies bei „Song Of I“ mit seinen elektronischen Art-Pop-Spielereien, die durch die spektakulären Projektionen auf einem großen Vorhang vor der Bühne noch eindringlicher nachwirken. 

Tanzen möchte fast niemand

Bei „Permanating“ wird es sogar richtig poppig: „Alle aufstehen und tanzen“, fordert Wilson sein Publikum auf. Das folgt jedoch nur widerwillig, und das nicht nur wegen der bequemen Sitze im Colloseum. Mit der Single-Auskopplung, die irgendwo zwischen ABBA und ELO angesiedelt ist und im dazugehörigen Video mit indischen Tänzerinnen (!) aufwartet, polarisiert Wilson seine Anhängerschaft bis aufs Äußerste.

Nur die allerwenigsten finden die neue Leichtigkeit erfrischend. Eingefleischte Fans sind dagegen bei Shows mit Innenraum während des Stückes auch schon mal zum Bierstand abgewandert. Wenigstens das verbietet sich im Colloseum, schon alleine aufgrund der Gegebenheiten. Begeisterung kommt aber dennoch nicht auf.

Man muss einfach eingestehen: Der Meister hat schon bessere Stücke geschrieben. Den Beweis tritt er kurze Zeit später mit dem Porcupine-Tree-Klassiker "Lazarus" an, der mit seiner wunderschönen Piano-Melodielinie auch 13 Jahre nach Erst-Veröffentlichung noch verzückt. So funktioniert Pop auf höchstem Niveau! 

Furiose zweite Konzert-Hälfte

Überhaupt lässt der zweite Teil des Konzerts die Herzen aller Besucher höher schlagen. Auch die "Prog-Rocker" bekommen die volle Dröhnung: Insbesondere das Instrumental „Vermillioncore“ mit seinen krummen Takten und der Porcupine-Tree-Klassiker „Sleep Together“ - wo die Streicher aus Led Zeppelins „Kashmir“ auf die Industrial-Klänge der Nine Inch Nails treffen – begeistern restlos. So hält es nach zwei Zugaben doch niemand mehr auf den Sitzen. Es gibt verdientermaßen frenetischen Applaus - dem Mainstream-Pop à la „Permanating“ zum Trotz.

Teilen

Kommentare

Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.

Bitte beachten Sie beim Verfassen eines Kommentars unsere Kommentarregeln.

Titel:
Text:
Sie können bis zu 2000 Zeichen als Text schreiben.