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Zeugen-Aussagen im Loveparade-Prozess: „Hilfe! Wir verrecken hier!“

11. Januar 2018 18:41

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    Trauernde besuchen in Duisburg die Gedenkveranstaltung zum Loveparade Unglück. Foto: Roland Weihrauch

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    An der Loveparade-Unglücksstelle. Foto: Roland Weihrauch

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    Die Gedenkstätte für die Loveparade-Opfer. Foto: Roland Weihrauch

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    Kerzen zum Gedenken an die Opfer im Tunnel zum ehemaligen Loveparade-Gelände in Duisburg. Foto: Oliver Berg

Duisburg Die Bilder aus Duisburg sind schief und verwackelt, sie zeigen fröhliche Stimmung, die rasch blankem Entsetzen weicht. Frauen weinen und wimmern, Männer schreien vor Schmerzen. „Holt uns hier raus! Hilfe! Wir verrecken hier!“ Bewusstlose werden aus der Menge gezogen. Minutenlanger Überlebenskampf in Echtzeit.Es ist der Film des zweiten Zeugen im Loveparade-Prozess, aufgenommen im tödlichen Gedränge, der am Donnerstag unerbittlich über die Leinwände im Düsseldorfer Kongresszentrum flimmert.


Panische Blicke, Todesangst, gellende Schreie, dazu ein Live-Kommentar aus dem Off, gesprochen gegen den ohrenbetäubenden Lärm: „So eine Scheiß-Organisation, unglaublich. Eine Einzäunung von einer Million Menschen, wie krank ist das denn?“

Mit schrecklichen Bildern und eindringlichen Schilderungen der ersten Zeugen hat im Prozess um das tödliche Gedränge bei der Loveparade die Beweisaufnahme begonnen. Eine 31-Jährige ist die erste Zeugin im Prozess.
Die Auszubildende war vor sieben Jahren mit ihrer Schwester bei dem Musikspektakel – und beide gerieten in das Gedränge. Ihre Schwester habe noch gefleht: „Halt meine Hand fest, lass ja nicht los.“ Doch sie sei dennoch weggerissen worden. „Der Druck war so stark. Ich habe sie aus den Augen verloren. Wir wurden von vorne und von hinten gedrückt wie Sardinen in der Büchse. Ich bekam keine Luft. Man konnte sich nicht bewegen.“

Im Krankenhaus wieder aufgewacht

Beim Versuch, eine Treppe an der Zugangsrampe zu erreichen, sei sie dann gestürzt. Menschen hätten auf ihr gelegen. „Links von mir lag ein junges Mädchen und rief: ‚Hilf mir, hilf mir.‘ Aber das ging nicht. Ich konnte mich selbst nicht befreien, weil Menschen auf mir lagen. Es wurde immer schwerer und schwerer. Weiter weiß ich nicht mehr, ich bin dann im Krankenhaus auf der Intensivstation wach geworden“, sagte die 1,58 Meter große Duisburgerin.

Das Leben verändert

Das Erlebte habe ihr Leben verändert. Bis zum vergangenen Jahr sei sie arbeitsunfähig gewesen, ihre Ausbildung zur Friseurin habe sie damals abbrechen müssen. Ab und zu verspüre sie heute noch „diesen ungeheuren Druck. Wenn ich etwas Bestimmtes rieche oder viele Menschen sehe, kommt das wieder.“
Sie sei sogar nach Kaiserslautern gezogen, um Duisburg aus dem Sinn zu bekommen, vor einem Jahr aber zurückgekehrt. Sie habe immer noch Schuldgefühle, weil sie der jungen Frau neben ihr nicht habe helfen können. Sie wisse nicht, was aus ihr geworden sei. Ihre Schwester habe überlebt, berichtete die Frau.
Student dokumentierte die Katastrophe im Film
Menschenmassen stehen gedrängt bei Loveparade

Beim Loveparade-Unglück am 24. Juli 2010 in Duisburg waren im Gedränge Zehntausender Menschen am einzigen Zu- und Abgang des Veranstaltungsgeländes 21 Menschen erdrückt und mindestens 652 verletzt worden.

Katastrophe im Film dokumentiert

Als zweiter Zeuge berichtete ein 34-jähriger Lehrer, der damals als Student bei der Loveparade feiern wollte. Vom Bahnhof habe er durch den Tunnel versucht, auf das Gelände zu gelangen. Doch so weit sei er nicht gekommen. Er dokumentierte die Katastrophe in dem Film, den er auf Youtube stellte und für den sich dann die Ermittler interessierten. Menschen drängten vom und auf das Gelände, berichtete er. „Das waren Zehntausende, das konnte eigentlich nach normalem Menschenverstand nicht funktionieren, die Leute haben aber darauf vertraut, dass es geht.“

Als sich das Gedränge schließlich auflöste, hätten vor ihm zwei leblose Körper gelegen, ein Mann und eine Frau. Er habe noch versucht, beide mit Mund-zu-Mund-Beatmung wiederzubeleben, aber vergeblich. Der Mann habe grüne Augen gehabt. Sie hätten offen gestanden.
Die Tragödie und ihre Aufarbeitung:
24. Juli 2010: Im einzigen Zu- und Abgang zum Loveparade-Gelände kommen viel zu viele Menschen zusammen. Besucher werden erdrückt und niedergetrampelt.
27. Juli 2010: Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) nennt Rücktrittsforderungen gegen ihn nachvollziehbar, bleibt aber im Amt.
31. Juli 2010: Bei einer Trauerfeier nehmen Tausende in Duisburg Abschied von den Opfern. Die damalige Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens Hannelore Kraft (SPD) hält eine bewegende Trauerrede.
18. Januar 2011: Die Staatsanwaltschaft Duisburg nimmt Ermittlungen gegen den damaligen Polizei-Einsatzleiter sowie gegen Mitarbeiter der Stadt und des Veranstalters Lopavent auf. Sauerland und Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller gehören nicht zu den Beschuldigten.
12. Februar 2012: Die Duisburger stimmen in einem Bürgerbegehren mit großer Mehrheit für die Abwahl des Oberbürgermeisters.
24. Juli 2013: Am Unglücksort wird eine Gedenkstätte eröffnet. 21 Holzkreuze und eine Gedenktafel erinnern an die Opfer. In den Monaten danach wird die Gedenkstätte mehrfach verwüstet.
10. Februar 2014: Die Staatsanwaltschaft Duisburg erhebt Anklage gegen sechs Mitarbeiter der Stadt und gegen vier Lopavent-Mitarbeiter wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung.
23. Juli 2015: Betroffene rufen eine Nachsorge-Stiftung ins Leben. Die Stiftung unter dem Namen „Duisburg 24.7.2010“ vermittelt Therapieplätze, organisiert die Gedenktage und hilft bei der Einrichtung von Selbsthilfegruppen.
5. April 2016: Das Duisburger Landgericht gibt seine Entscheidung bekannt, wonach es keinen Strafprozess geben soll. Die Anklage wird nicht zur Hauptverhandlung zugelassen. Begründung der 5. Großen Strafkammer: Das wesentliche Beweismittel, das Gutachten des britischen Panikforschers Keith Still, sei nicht verwertbar. Es leide „an gravierenden inhaltlichen und methodischen Mängeln“. Die Staatsanwaltschaft Duisburg und mehrere Nebenkläger legen Beschwerde gegen den Beschluss ein.
24. April 2017: Das Oberlandesgericht Düsseldorf gibt bekannt, dass es die Anklage nun doch zulässt. Die Bedenken der 5. Strafkammer werden zurückgewiesen. Das OLG bestimmt, dass die Hauptverhandlung nun vor der 6. Großen Strafkammer des Landgerichts Duisburg durchgeführt werden muss.
8. Dezember 2017: Die Hauptverhandlung im Loveparade-Strafverfahren beginnt. Aus Platzgründen findet die Verhandlung in einem Saal des Kongresszentrums Düsseldorf statt, in den 500 Menschen passen. Bis Ende 2018 hat das Gericht bereits 111 Verhandlungstermine festgelegt.
27. Juli 2020: Liegt mit Ablauf dieses Tages kein Urteil in erster Instanz vor, gelten die vorgeworfenen Taten als verjährt.

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