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Fürs Stipendium bewerben: Nicht nur was für Überflieger

Nora Wanzke 29. Juli 2016 16:08

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    Das Studium ganz oder teilweise mit einem Stipendium finanzieren? Es gibt viele Möglichkeiten - nicht nur für Studenten mit finanziellen Sorgen oder besonders guten Noten.

Studium Mit dem Stipendium das Studium finanzieren, ist nicht nur etwas für Studenten mit sehr guten Noten. Denn neben den Noten spielen soziales Engagement, Werte und die Leistung im Allgemeinen eine große Rolle. Drei Experten geben Tipps.

Mit einem Stipendium das Studium finanzieren? Das ist doch wirklich nur etwas für Überflieger. Hört man sich auf dem Unicampus um, fallen Aussagen wie diese. Aber das stimmt nicht. „Dieser Irrglaube hält viele Studenten davon ab, sich zu bewerben“, erklärt Katrin Kowark vom Bundesverband Deutscher Stiftungen (BDS). „Aber man sollte viel mehr dazu ermuntern.“ Über 2 600 Stiftungen als Stipendiengeber gibt es laut BDS zurzeit in Deutschland. Da stehen die Chancen gar nicht so schlecht, ein Stipendiat zu werden.

Aber wie soll man in der Flut von Informationen zurechtkommen und das passende Stipendium finden?
„Es ist wichtig, das System dahinter zu verstehen, bevor man mit der Recherche beginnt“, rät Leonarda Babic, Stipendienberaterin des Studentenwerkes München. „Es gibt zwei Typen von Stipendiaten: die finanziell Bedürftigen und die Leistungsstarken. Natürlich sind beide Typen auch zu kombinieren.“ Die Beschreibung finanziell bedürftig, schreckt so manchen Studenten von einer Bewerbung ab. Aber dafür sollte man sich nicht schämen, meint Babic. „Ein Richtwert ist das Bafög-System. Hat man aufgrund der finanziellen Bedürftigkeit einen positiven Bafög-Bescheid, hat man gute Chancen.“

Ehrenamtliche Engagement spielt eine große Rolle

Und leistungsstark? Damit sind doch wieder die Einser-Kandidaten gemeint, könnte man denken. Aber auch das ist ein Irrglaube. Die Eins muss nicht zwingend vor dem Komma stehen. Vielmehr geht es um das Studienfach und die Leistung im Allgemeinen. „Ein Durchschnitt von 2,5 kann bei Juristen, Ingenieuren oder Naturwissenschaftlern beispielsweise für eine gute Leistung stehen“, erklärt Babic.
Wolf Dermann von der Organisation ArbeiterKind.de definiert den Begriff sogar über die Noten hinaus: „Wer beispielsweise in einer schweren Situation steckt, der stößt auf Verständnis, dass er zurzeit keine Spitzenleistungen liefern kann.“ Zudem spielt das ehrenamtliche Engagement eine große Rolle. Kurz und knapp: Man sollte irgendwie auffallen und sich nicht nur über seine Noten definieren. Aber was genau erwartet man von einem Stipendium? Kowark rät, dies zu Beginn festzulegen: „Möchte man nur finanziell unterstützt werden, durch ein Stipendium ein Netzwerk aufbauen oder an Weiterbildungen teilnehmen?“ Eine Prioritätenliste hilft dabei.

Die Werte der Stiftung teilen

Und dann kann die Recherche beginnen. Um diese zu erleichtern, unterteilt Dermann die Stipendienwelt in drei Blöcke: Den ersten Block bilden die 13 Begabtenförderungswerke. Zu diesen gehören die Stipendien der religiösen, partei- oder gewerkschaftsnahen Stiftungen sowie die Studienstiftung des deutschen Volkes und der Deutschen Wirtschaft. Begabt? Also wieder nur etwas für Überflieger?
Nein, auch das stimmt nicht. „Diese Stiftungen wollen vor allem engagierte Studenten, die die Werte der Stiftungen teilen“, erklärt Dermann.

Und „engagiert“ ist bei den Bewerbungen ein dehnbarer Begriff. Es fängt mit dem Amt in der Fachschaft an, geht über das Trainieren einer Sportmannschaft bis hin zur Pflege eines Familienmitglieds. „Auch wenn man viele Geschwister hat und bei der Erziehung mithilft, wird das positiv angerechnet“, sagt Babic.
Beim Engagement geht es vor allem darum, etwas zur besseren Gesellschaft beizutragen. Natürlich gehört das klassische Ehrenamt auch dazu. Wenn etwas schriftlich nachzuweisen ist, erhöhen sich die Chancen. „Viele vergessen aber auch, dass das regelmäßige Teilnehmen an Demos dazu zählt“, fügt Dermann hinzu.
Die Bewerbung ist für die Begabtenförderungswerke etwas aufwendiger. Als Student muss man begründen können, warum man sich gerade bei diesem Werk bewirbt – schriftlich in einer Bewerbung und mündlich beim Auswahltag. „Die Stiftungen hoffen natürlich, dass man später der Gesellschaft etwas zurückgibt und ihre Werte vertritt.“
Also verbaut man sich so die Chance bei bestimmten Arbeitgebern? „Stipendiat zu sein, macht sich immer gut im Lebenslauf. Es überwiegt mehr als die Denkrichtung“, sagt Dermann. Bei Bedenken rät Babic, dies nicht im Lebenslauf anzugeben. Übrigens: Die Begabtenförderungswerke bieten vergleichsweise die luxuriöseste Unterstützung. Unter www.stipendiumplus.de findet man das passende Werk.

Den zweiten Block bildet das Deutschlandstipendium vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Hier ist das Bewerbungsverfahren nicht ganz so komplex. Man bewirbt sich schriftlich über die eigene Hochschule. Die Hochschulen bestimmen auch zum großen Teil die Kriterien. „Nicht nur Noten werden berücksichtigt, einige legen den Fokus auch auf Bedürftigkeit“, sagt Babic.

Zum dritten Block gehören alle anderen Stipendiengeber. „Diese sind dann die Ergebnisse der Suchmaschinen“, sagt Dermann. Darunter fallen viele kleine Stiftungen sowie Förderungen, die regional nach Bundesland oder Hochschule vergeben werden. Um diese zu finden, empfiehlt Babic, verschiedene Suchmaschinen zu nutzen.
„Mystipendium.de ist zwar ein privater Anbieter, allerdings kann man hier sehr gezielt suchen.“ Jedoch kritisiert die Stipendienberaterin, dass man sich registrieren muss und somit die Suche nicht anonym ist. „Ich würde hier keine sensiblen Daten wie chronische Krankheiten angeben.“ Als Alternativen empfiehlt sie www.stipendienlotse.de und www.e-follows.net. Und wem das zu anonym ist, der kann immer noch Rat bei den Stipendien- oder Studienfinanzierungsstellen suchen.

Wann soll man mit der Recherche beginnen? Ein halbes Jahr vor dem Abitur kann es losgehen. Für das erste Semester beginnen die Fristen oft nach der Zeugnisübergabe. „Für eine große Zahl an Stipendien kann man sich aber erst während des Studiums bewerben“, sagt Babic.

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