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Lenas erste Uni-Zeit: Ein Arbeiterkind auf dem Campus

Lena Gibbels 07. November 2017 10:50

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    „Was macht man eigentlich in einem Seminar und sitze ich neben einem Gleichgesinnten, der genauso ahnungslos ist wie ich?“, fragen sich sicherlich viele Studierende, die zum ersten Mal eine Uni von innen sehen.

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    Skeptisch blickt Lena auf das Schild ihres Fachbereiches. Richtig wohl fühlt sich die 18-Jährige noch nicht an der Uni.

Studium Oktober, Beginn des Wintersemesters. Millionen Studierende strömen zum ersten Mal an die Unis, Ihr Scenario-Leser vielleicht an die Uni Münster, Bochum, Dortmund oder vielleicht sogar Köln, wenn Zugfahren Euer Hobby ist. Mit dem Zug fahren muss ich auch, aber innerhalb meiner neuen Heimat. Ich bin zum Studieren nach Berlin gegangen.

An der Freien Universität Berlin bin ich jetzt eine von etwa 150 Anthropologie-Erstsemestern, eine von etwa 500 Politikwissenschaft-Erstis, eine von etwa 40 000 Studierenden. Schon ein Sprung vom einzigen Gymnasium in Datteln, nicht wahr? Ja, und nicht nur deshalb…

Als Tochter zweier ehemaliger Angestellter im Einzelhandel mangelt es nicht nur an Geld, sondern auch an Vorbereitung auf das Leben als Studentin. An die glitzernden Schwärmereien meiner Mutter kann ich mich noch ganz gut erinnern: „An der Uni kannst du dir aussuchen, was du lernst. Dort sitzt du dann in Seminaren, die dich interessieren, und lernst viele Gleichgesinnte kennen.“ Nun ja, das waren die Vorstellungen meiner Mutter. Ich jedenfalls bin jetzt die Erste meiner Familie, die in den Genuss von diesem Überschuss an Freiheit und Seminaren und Gleichgesinnten kommen darf.

Eine große Mehrheit aller Akademikerkinder mit Abitur studieren, die Minderheit von Arbeiterkindern schafft es an die Uni. Ich weiß nicht, ob man diverse Uni-Fachbegriffe, diverse Hochschulstrukturen zu Hause vermittelt bekommt, wenn die eigenen Eltern schon mal an einer Uni waren. Ich als Arbeiterkind hatte lediglich eine grobe Vorstellung, was ein Hörsaal ist und stellte mir ein Amphitheater mit Stoffsitzen und ohne Komödien vor.

Was ist eigentlich ein Proseminar?

Den Rest der Uni-Fremdwörter, den Rest dieser ganzen Universität ist so gut wie undurchdringbar für mich. Was ist ein Prüfungsbüro? Welche Bücher sind nun Pflicht? Wer ist Foucault? Wie finde ich mich in einer Unibibliothek zurecht? Was ist ein Tutorium und wieso ist es scheinbar das Gleiche wie ein Proseminar – und was ist eigentlich ein Proseminar? Wie lerne ich für eine Uniklausur, wie sieht eine Hausarbeit aus?

Diese Fragen zu stellen, entlarvt mich automatisch – ähnlich wie mein Ruhrpott-Akzent – als „eine von denen“, als Idiotin, so fühlt es sich zumindest an. Wenn ich kann, halte ich also die Klappe, aber es hilft nichts, ich verstehe nichts. Und wenn ich nun das falsche Modul buche? „Dann studier‘ doch noch ein Semester länger, machen die meisten!“, so die Antwort. Sprachmodule sind schon voll! „Das macht nichts, häng‘ ein Semester dran und es passt!“ Und wenn der ganze Stoff mir zu schnell geht, ich lieber vertieft und entspannt lernen will? „Dann mach‘ acht Semester statt sechs, ist total normal hier!“ Das klingt besonders witzig aus dem Mund von Antikapitalisten. Oder solchen, deren Miete nie vom BAföG abhing.

Ich hasse es, zu jammern. Viele Kommilitonen – das sind „andere Studierende“, das Wort habe ich vor einem Jahr zum ersten Mal gehört – haben keine Wohnung auf dem Schlachtfeld namens Berliner WG-Markt gefunden, lernen Deutsch während des Studiums, sind Geflüchtete oder haben sogar keinen Uni-Begrüßungs-Jutebeutel bekommen. Vor vielen Jahrzehnten hätte mir mein Ehemann ein unterschriebenes Blatt geben müssen, damit ich einen Beruf ausüben darf. Heute muss das nur das BAföG-Amt, aber das ist wenigstens genderneutral. Ich will damit sagen: Es könnte schlimmer sein.

Aber es könnte auch besser sein. Es könnte sein, dass wir in Deutschland nicht für Zehnjährige entscheiden, ob sie intelligent genug für ein Studium sind. Es könnte sein, dass der Bildungsgrad der Eltern keinen Einfluss auf die Bildung und Behandlung des Kindes hat. Es könnte sein, dass das aber auch in naher Zukunft noch genauso wie jetzt sein wird.

All das ist für mich jetzt nicht mehr von Belang, denn ich als Arbeiter- und Nichtakademikerkind bin ja nun doch an der Uni gestrandet. Ich könne ja ehrgeizig sein, wie mir eine Arzttochter neulich riet. Aktuell fühle ich mich umgeben von Leuten, für die es ganz selbstverständlich ist, nach dem Abi zu studieren, die dazwischen natürlich das obligatorische Auslandsjahr in Australien machen. Darüber wird nicht mal nachgedacht, es ist für diese Leute kein Privileg, es ist für sie so natürlich wie der Gang zum Supermarkt. Sind das also meine, wie meine Mutter meinte, „Gleichgesinnten“ hier an der Uni? Ich fühle mich nicht unwohl unter meinen Kommilitonen. Viele von ihnen wirken wie sehr interessante, tiefgängige Menschen, manche werden langsam zu Freunden. Aber zugehörig fühle ich mich auch nicht. Und ich beginne, zu denken, dass dieses Gefühl der Wahrheit entspricht.

Begrüßt wurde ich als Erstsemester in Berlin übrigens mit den Worten, dass der Fachbereich stolz darauf ist, dass in diesem Semester lediglich doppelt so viele Studierende wie geplant zugelassen wurden, was doch schon eine minimal kleinere Überbuchung als vergangenes Jahr gewesen sei. Und dass unsere Seminare aufgrund von Geldmangel am Institut mit etwa 60 Leuten stattfinden, in einem bunkerartigen Kellerraum. Seminare? War das nicht das „Glitzernde“, was meine Mutter beschrieb? Bis heute hat mir niemand genau gesagt, was das ist. Wird vorausgesetzt. Ich gehe einfach hin. Wenn ich mich hier an der Universität umschaue, bin ich nicht die Einzige mit einem Geldproblem. Immerhin.

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