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Haim mit zweitem Album: Wilde Mischung aus Alt und Neu

Steffen Rüth 10. Juli 2017 16:11

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    Haim - die drei Schwestern haben ihre zweite Platte veröffentlicht mit Anleihen aus den 70er- und 80er-Jahren.

Pop Das hat jetzt wirklich lange gedauert, bis die drei lustigen Langhaarschwestern mit ihrem zweiten Album „Something to tell you“ so weit waren, ziemlich exakt vier Jahre nämlich. Mehrfach war es angekündigt, das neue Werk von Este (31, Bass), Danielle (28, Gesang, Gitarre) und Alana (25, Gitarre, Keyboard, Gesang), doch es kam und kam nicht.

„Wir hatten so unsere kleinen Probleme beim Songschreiben“, bekundet Alana, die Keckste der Drei. „Jedes Lied, das wir komponierten, hörte sich an wie die Titelmusik von ‚Jurassic Park‘. Wirklich jedes verdammte Lied.“ Also mussten sich die Mädchen, die aus musikalisch-bürgerlichem Elternhaus im San Fernando Valley bei Los Angeles kommen und im Großen und Ganzen schon ihr ganzes Leben lang Musik machen (Haim als solches gibt es seit zehn Jahren), irgendwie selbst therapieren.

Retropopstück war früher Fingerübung

Flucht nach vorn war gewissermaßen angesagt. „Wir taten also einfach so, als hätten wir die Aufgabe gestellt bekommen, unsererseits einen Song für einen Film schreiben zu müssen“, sagt Danielle. Heraus kam das vergnügliche Retropopstück „Little of your love, „was eigentlich nur als Fingerübung gedacht war, uns dann aber so gut gefiel, dass wir richtig ins Rollen kamen mit dem Songschreiben.“

Vielleicht ist es auch kein Wunder, dass sich Haim mit neuen Songs lange schwertaten, es war ja wahrlich viel passiert in den Jahren zuvor. Denn es begab sich, dass das Debütalbum „Days are gone“ – nach ohnehin schon massiven Vorschussehren – total abging. Auftritte bei den bedeutendsten Festivals der Welt, TV-Shows und Tourneen folgten, „es war schon etwas irre“, so Alana. „Jahrelang ging unsere Band den meisten Leuten vollständig am Arsch vorbei. Wir mussten die Clubbesitzer in Los Angeles anbetteln, dass wir spätnachmittags bei ihnen spielen durften. Wir machten Rundrufe an alle unsere Freunde, damit die auch kommen, natürlich haben wir keinen Eintritt genommen und teilweise den Leuten noch die Getränke spendiert.“

In keine Schublade gepasst

Wie so häufig bei neuen Bands, die nicht von vornherein in sämtliche Schubladen passen, waren es die Briten, die sie zuerst entdeckten. „Wir spielten drüben ein paar Konzerte, und plötzlich machte es ‚peng‘“. Kein Wunder also, dass sich Haim für die Präsentation ihres zweiten Albums die hübsche und eher gemütliche „Islington Assembly Hall“ in London aussuchten, um dort auf der Bühne mit Witz (Alana: „Am liebsten hätte ich euch allen einen Kuchen gebacken“) und den neuen Songs zu punkten.

Auch „Something to tell you“,  das legt die erste Hörprobe nah, wird wieder überall erfolgreich sein, es gilt ohnehin als eines der am heißesten erwarteten Alben des Sommers. Wieder hat, wie schon das Debütalbum, Ariel Rechtshaid (Vampire Weekend, zugleich der Freund von Danielle) produziert, wieder schrieben sie die Songs im elterlichen Wohnzimmer, wieder verschmelzen sie auf harmonische, goldige Weise moderne Sounds mit Anleihen an die goldene Vergangenheit der 70er-, 80er- und 90er-Jahre. „Nothing’s wrong“ etwa weckt angenehmste Erinnerungen an „Little lies“ von Fleetwood Mac, „Ready for you“ wirkt mit seinem Vintage-R’n’B wie sanft von Aaliyah und Beyoncé beeinflusst.

Auch Balladen („Night so long“) sind im Repertoire, während „Want you back“, die erste Single, Erinnerungen an das Vokalharmonietrio Wilson Phillips und deren Megahit „Hold on“ aufkommen lässt.
„Bei uns ist alles drin, was wir lieben“, sagt Danielle, die vor Haim als Gitarristin mit Julian Casablancas von den Strokes spielte und als musikalischer Kopf der Drei gilt. „Wir könnten uns selbst dann nicht auf einen bestimmten Stil beschränken, wenn unser Leben davon abhinge.“


 
 

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