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Alexandra interviewt Marianne: Die Jugend meiner Oma

Alexandra Oelmann 02. März 2018 14:15

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    Im Wohnzimmer von Oma Marianne traut sich Alexandra, sehr private Fragen zu stellen. Wir sagen: „Danke, liebe Marianne, für Deine Offenheit!“

Serie Glücklich ist, wer Oma und Opa hat. Wo Mama und Papa schon längst mit uns geschimpft hätten, drücken sie ein Auge zu. Sie hören uns zu und nehmen uns in den Arm und bei ihnen gibt’s oft Kaffee und Kuchen. Jederzeit können wir mit unseren Sorgen zu ihnen kommen: Sie wissen Rat, denn sie sind lebenserfahren. Doch jetzt sollen sie mal zu Wort kommen – hier bei Scenario. Unsere Jugendredakteure wollen wissen, wie „die Jugend ihrer Großeltern“ aussah. Hier befragt Alexandra Oelmann (18, Recklinghausen) ihre 85-jährige Oma Marianne dazu.

Alexandra: Was war Dein Lieblingsplatz in Recklinghausen und wie hat er sich im Laufe der Jahre verändert?
Marianne
: Mein Lieblingsort war mein Zuhause am Erlenweg – in der Brandheide. Dort bin ich aufgewachsen. Wir wohnten direkt am Waldrand und verändert hat sich im Laufe der Jahre nur, dass ich nicht mehr da wohne. Und es gibt mittlerweile Bürgersteige (lacht). Es ist vieles genauso beschaulich geblieben, wie ich es in Erinnerung habe. Wir hatten Land hinter dem Haus, das bearbeitet werden musste, und außerdem ein paar Kaninchen, Hühner und Gänse. Das hat heutzutage natürlich keiner mehr. Aber wir brauchten keine Spielplätze, ich hatte den Luxus und konnte mit den Nachbarskindern in der Brandheide spielen, als ich noch jünger war, und später, als ich älter war, ungestört irgendwo ein Buch lesen oder eine kleine Ausfahrt mit dem Fahrrad machen.

Alexandra: Was war Dein schönster und was Dein schlimmster Moment Deiner Jugend?
Marianne:
Im Großen und Ganzen war meine Jugend schön, an wirklich schlimme Momente kann ich mich nämlich nicht mehr so recht erinnern, obwohl ich im Krieg groß geworden bin. Dafür kann ich mich erschreckenderweise aber noch sehr gut daran erinnern, dass wir manchmal am Fenster gestanden und über die glitzernden Phosphorbomben gestaunt haben, wenn welche fielen. Man hat einfach noch nicht richtig verstanden, wie gefährlich das eigentlich war.

„Ich musste schnell erwachsen sein“

Mir fallen aber viel mehr schöne Momente ein, zum Beispiel, wie wir beim Einmarsch der Amerikaner an der Autobahn gestanden und gehofft haben, dass mal einer anhält und Schokolade schmeißt. Ich kann mich sogar noch an den Namen erinnern: Cadbury-Riegel. Wir wurden auch nicht enttäuscht! Eine kleine Sensation war das damals für uns. 1949, mit 17, habe ich mir dann mein erstes eigenes Fahrrad gekauft und ich war stolz wie Oscar! Wenn es dreimal im Monat Geld von der Hutfabrik gab, in der ich gearbeitet habe, bin ich zuerst in die Stadt gefahren, um die Raten abzustottern. Das waren damals 15 Mark je Rate.

Dann sind wir, meine Freundinnen Anne, Edelgard, Doris – und Georg zum Aufpassen – und ich, auf unsere erste Radtour gegangen durchs Sauerland. Da haben wir auf Wiesen gezeltet und Georg hatte nachts immer einen Strick am Bein, der mit den Fahrrädern verbunden war, damit sie niemand klauen konnte. Wir mussten ja weiter! (lacht) Wir hatten auch Annes Kofferradio dabei, das war schon was Besonderes.

Alexandra: Wie hast Du Dir das Erwachsenwerden vorgestellt? Und wie war es dann tatsächlich?
Marianne:
Ich musste relativ schnell erwachsen sein, eigentlich hatte ich gar nicht so viel Freiraum, um darüber nachzudenken. Meine Brüder waren im Krieg – und sind zum Glück auch wieder nach Hause gekommen –, ich war das einzige Kind zu Hause und musste deshalb mithelfen. Später dann war die Schule während der letzten Kriegsjahre geschlossen und ich habe eine Lehre zur Näherin angefangen und danach in der Hutfabrik gearbeitet. Eigentlich wollte ich mal Friseurin werden, aber den Wunsch musste ich erst mal hinten anstellen. Ich bin erwachsen geworden mit meinen Freundinnen von der Hutfabrik.

Ich hab’ mir immer vorgestellt, dass ich ja reisen könnte, wohin ich möchte, wenn ich erst mal erwachsen bin. Es hat dann zuerst allerdings nur für Ostpreußen gereicht. Aber später hab’ ich ganz viele Länder gesehen und Spanien fasziniert mich bis heute am meisten. Die Vorstellung oder den Wunsch habe ich mir also tatsächlich erfüllt.

Alexandra: Wer war Deine erste Liebe und wie lief es?
Marianne:
Bevor ich meine erste große Liebe, Deinen Opa, traf, habe ich kurz geschwärmt für einen Amerikaner mit unglaublich blauen Augen, der eines Tages in der Hutfabrik stand und sich mit meinem Vorgesetzten unterhielt. Ich habe nie wieder solche strahlenden blauen Augen gesehen! Aber der war unwichtig, als Opa und ich uns kennengelernt haben. Ich bin öfter morgens losgegangen und habe meinem Vater sein Essen zur Arbeit gebracht – ja, früher hat man das noch manchmal so gemacht – und weil ich immer ein bisschen warten musste, bis er in die Pause kam, habe ich mich mit deinem Opa unterhalten und dann haben wir uns mal hier und da verabredet oder sind was trinken gegangen.

Mein Poldi und ich haben später geheiratet und ich habe heute zwei tolle Söhne, außerdem fünf Enkel und zwei Urenkel, auf die ich auch sehr stolz bin, also würde ich rückblickend aus meiner Sicht sagen: Es lief gut.

Alexandra: Was wundert Dich an unserer Generation? Hast Du Fragen an unsere Generation?
Marianne:
Als ich jung war, waren die Jungens auch immer adrett angezogen, mit Schirm, Charme und Melone sozusagen, heute seid Ihr Lumpis mit Euren löchrigen Hosen! Früher haben wir uns geärgert, wenn wir Löcher in der Hose hatten – und Ihr kauft extra Hosen mit Löchern und Fransen! Ich hab’ Dir ja schon mal angeboten, Deine Hose zuzunähen, aber Du willst ja nichts davon hören! Das Angebot steht noch! Außerdem wundert mich, dass Ihr immer auf diese verfluchten Handys starren müsst! Wie würdet Ihr nur ohne klarkommen? Ich werde damit nicht mehr fertig, mit Handys hab’ ich nix am Hut.

Ich hatte zwar früher nicht so die Chancen, wie es sie heute gibt, was zum Beispiel Ausbildung oder andere Dinge angeht, aber trotzdem war ich glücklich und ich bin froh, wenn ich sehe, wie viele Möglichkeiten Eure Generation hat.
Was wisst Ihr eigentlich über die Jugendjahre Eures Opas oder Eurer Oma? Nicht so viel, oder? Das wollen wir gerne mit Euch ändern! Schreibt uns an, wenn Ihr – und natürlich Eure Großeltern – mitmachen wollt bei unserer Serie! Wir erklären Euch dann alles per Mail:  scenario@medienhaus-bauer.de

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