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Annika und Jule interviewen Wilfriede: Die Jugend unserer Oma

Annika und Jule 02. März 2018 15:03

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    „Wir haben beim Interview einiges über unsere Oma Wilfriede erfahren, was wir noch nicht wussten“, verrieten Annika (l.) und Jule (r.) glücklich.

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    Frischgebackene Krankenpflegerin und sehr stolz: Wilfriede ist auf diesem Foto 21 Jahre alt und hat ihr Examen gerade hinter sich.

Serie serie. Glücklich ist, wer Oma und Opa hat. Wo Mama und Papa schon längst mit uns geschimpft hätten, drücken sie ein Auge zu. Sie hören uns zu und nehmen uns in den Arm und bei ihnen gibt’s oft Kaffee und Kuchen. Jederzeit können wir mit unseren Sorgen zu ihnen kommen: Sie wissen Rat, denn sie sind lebenserfahren. Jetzt sollen sie zu Wort kommen – hier bei Scenario. Unsere Jugendredakteure und Leser wollen wissen, wie „die Jugend ihrer Großeltern“ aussah. Heute befragen die Scenario-Leserinnen Annika (17) und Jule (14) ihre 82-jährige Oma Wilfriede aus Marl, die gebürtig aus Bochum stammt.

Annika und Jule: Was war Dein Lieblingsplatz und wie hat er sich im Laufe der Jahre verändert?
Wilfriede:
Einen Lieblingsplatz hatte ich in Bochum nicht. Es war Krieg und wir verbrachten viel Zeit im Luftschutzbunker. Mit acht Jahren wurde ich mit meiner Mutter nach Pommern evakuiert. 1945 konnten wir Pommern nicht mehr rechtzeitig verlassen und blieben ein Jahr unter russischer Besetzung. Danach durften wir ausreisen und in unserer Heimat einen Neuanfang beginnen. Meinen Lieblingsplatz fand ich mit 16 Jahren in einem Internat in Bethel bei Bielefeld, wo ich zwei Jahre unter der Leitung von Diakonissen sehr viel gelernt habe. Dort haben wir viel Geborgenheit und Anerkennung erfahren. Heute gibt es diese Schule leider nicht mehr.

Später wurde der Volkspark in Alt-Marl zu meinem Lieblingsplatz. Oft verbrachten wir dort mit unseren Kindern die Sonntagnachmittage. Der Teich, die Enten, die Volieren mit den Vögeln, die Flamingos und der große Spielplatz boten uns eine gute Abwechslung. Heute, mit 82 Jahren, gehe ich gerne mit meinem Rollator um den Marler City-See.

Annika und Jule: Wie hast Du Dir das Erwachsen-Werden vorgestellt?
Wilfriede:
Erwachsen-Werden brachte ich in Verbindung mit einem Beruf. Für mich sollte es auf alle Fälle ein sozialer Beruf mit Kindern oder Erwachsenen sein. Ich entschied mich für die Krankenpflege, wo ich 1956 mein Examen machte. Aber letztendlich war mein Wunsch, Mutter zu werden. Ich dachte so an zwölf Kinder. Es kam allerdings etwas anders und ich bin glücklich über meine drei Töchter und vier Enkelkinder.

Annika und Jule: Was war der schönste und was der schlimmste Moment Deiner Jugend?
Wilfriede:
Mein schlimmster Moment war, als meine Schwester (damals 13) und ich (elf Jahre) 1946 am Sterbebett meiner Mutter standen. Wir wussten nicht, ob mein Vater noch lebte, und wären somit Vollwaisen geworden. Ein polnischer Arzt sagte zu uns, dass es ein Medikament gäbe, das helfen würde. Allerdings müsse er dies aus der nächsten Kreisstadt holen und das würde Geld kosten. Da wir kein Geld hatten, nahm er als Zahlung die Armbanduhr meiner Mutter an. Das Medikament wirkte und meiner Mutter ging es besser, aber sie war immer noch sehr schwach. Weil sie nicht arbeitsfähig war, bekamen wir die Ausreise in den Westen. Noch heute bin ich dem polnischen Arzt von Herzen dankbar. Durch den Suchdienst wurde mein Vater auf uns aufmerksam und holte uns aus dem Flüchtlingslager heraus. Gemeinsam fuhren wir zurück nach Bochum. Unsere Wohnung war zum Glück nicht zerbombt und wir konnten ein neues Leben beginnen. Dies war der schönste Moment für mich.

Briefe schreiben an die große Liebe

Annika und Jule: Wer war Deine erste Liebe und wie ist es gelaufen?
Wilfriede:
Meine erste große Liebe wurde später auch mein Ehemann und Euer Opa. Bei einem Verwandtschaftstreffen in Marl haben wir uns kennengelernt. Fast jeden Tag schrieben wir uns einen Brief und lernten uns so besser kennen. Da ich in Hohenlimburg im Krankenhaus arbeitete und die Arbeitszeiten sehr lang waren, konnten wir uns leider nicht oft treffen. Im Jahr 1958 gab ich meinen Schwesternberuf auf und zog nach Marl.

Im Oktober desselben Jahres feierten wir dann die Hochzeit. Wir durften 30 Jahre beieinander sein, bis mein Mann mit 57 Jahren verstarb. Nun bin ich 82 und lebe immer noch in demselben Haus. Ich bin dankbar für die Zeit, Liebe und Geborgenheit, die ich erleben durfte. Meine Kinder und Enkelkinder sind für mich eine große Bereicherung und halten mich jung.

Annika und Jule: Was wundert Dich an unserer Generation? Hast Du Fragen an uns?
Wilfriede:
Ihr seid eine Generation, die ohne Krieg und Revolten aufwachsen darf. Das ist wunderbar! Ihr habt viele Möglichkeiten, Euer Leben zu gestalten und Euch stehen viele Türen offen. Ein bisschen Angst macht mir der rasante Fortschritt der Digitalisierung. Die Zeit ist so schnelllebig geworden. Merkt Euch, dass jeder Tag die Chance haben sollte, bewusst gelebt zu werden! Erkennt immer noch den Mitmenschen als Euren Nächsten. Für alle Generationen gilt: Das Leben ist ein Geschenk! Ein Geschenk Gottes!
Was wisst Ihr eigentlich über die Jugendjahre Eures Opas oder Eurer Oma oder gar über die Euer Urgroßeltern? Nicht so viel, oder? Das wollen wir gerne mit Euch ändern! Schreibt uns an, wenn Ihr – und natürlich Eure Großeltern – mitmachen wollt bei unserer Serie! Schreibt uns per Mail an: scenario@medienhaus-bauer.de

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