Hertener Allgemeine Medienhaus Bauer

Carolin interviewt Margitta: Die Jugend meiner Oma

Carolin Schäfer 02. März 2018 14:29

  • Teaserbild

    Liebe Carolin (l.), liebe Margitta! Ihr werdet sicher oft angesprochen, aber auch wir müssen es sagen: Ihr seht Euch sehr ähnlich! Danke für das schöne Foto!

  • Teaserbild

    Margitta mit 17 Jahren. Damals hat sie immer die neuesten Haartrends mitgemacht, klar, sie war auch Friseurin.

Serie Glücklich ist, wer Oma und Opa hat. Wo Mama und Papa schon längst mit uns geschimpft hätten, drücken sie ein Auge zu. Sie hören uns zu und nehmen uns in den Arm und bei ihnen gibt’s oft Kaffee und Kuchen. Jederzeit können wir mit unseren Sorgen zu ihnen kommen: Sie wissen Rat, denn sie sind lebenserfahren. Doch jetzt sollen sie mal zu Wort kommen – hier bei Scenario. Unsere Jugendredakteure wollen wissen, wie „die Jugend ihrer Großeltern“ aussah. Hier befragt Carolin Schäfer (16, Datteln) ihre 68-jährige Oma Margitta dazu.

Carolin: Was war Dein Lieblingsplatz in Recklinghausen und wie hat er sich im Laufe der Jahre verändert?
Margitta:
Mein Lieblingsort war der Marktplatz. Man konnte schon früher draußen an Tischen vor Eisdielen und Imbissen sitzen. Manchmal sind wir auch oben ins Restaurant von Karstadt gegangen. Montags hatten wir als Lehrlinge in unserem Friseurbetrieb frei und sind alle gemeinsam dorthin gefahren, um zu essen und das bisschen Trinkgeld zu verbraten. An sich war es aber eher etwas Besonderes, wenn man mal nach Recklinghausen gefahren ist, dort wurde dann auch der ganze Tag verbracht.

Verändert hat sich, dass es keine Straßenbahnen mehr gibt, Karstadt ist ebenso weg und stattdessen gibt es das Palais Vest. Was mir auch aufgefallen ist, ist, dass es früher viel mehr Einzelhandelsläden gab, heute sind dort viele Ketten. Man bekommt einerseits fast alles, aber es geht auch das Individuelle verloren.
Als anderen schönen Ort habe ich die Vestlandhalle in Erinnerung. Dort fand nämlich einmal jährlich einen Tag lang das sogenannte „Beat Festival“ statt. Bands aus der Region coverten, was modern war, zum Beispiel die Rolling Stones oder die Beatles. Wir bekamen dort zwar eher Cover-Amateur-Bands zu sehen, aber für uns war dieser Tag dort das Highlight des Jahres.

Carolin: Wie hast Du Dir das Erwachsenwerden vorgestellt? Und wie war es dann tatsächlich?
Margitta:
Ich wollte immer gerne erwachsen werden. Ich habe mir vorgestellt, dass ich selbstständig und unabhängig bin, dass man zum Beispiel nicht schon um zehn Uhr abends zu Hause sein müsste. Außerdem wollte ich viel reisen, das Weiteste, das ich bisher gesehen hatte, war Holland. Ich wollte vor allem Südeuropa kennenlernen. Daran, dass man gar nicht das ganze Geld für solche Pläne hat, habe ich damals nicht gedacht.

Viel gearbeitet für sehr wenig Geld

Wie es dann wirklich war? Ich war zufrieden. Die Schule endete und mit 14 Jahren musste man ja beginnen zu arbeiten. Ich hätte gerne in Detmold eine Ausbildung zur Kindererziehung gemacht, da man dort aber auf einem Internat wohnen musste, durfte ich dies nicht. Ich habe dann die Lehre zur Friseurin angefangen. Wir waren fünf Lehrlinge, durften die Produkte vom Salon benutzen, hatten also andauernd neue Haarfarben und schminkten uns, je nachdem, was in Mode war, und gingen aufgebrezelt am Wochenende gemeinsam auf Trallafitti.
Man muss aber dazu sagen, dass wir für sehr wenig Geld extrem viel arbeiten mussten. Vor den Feiertagen teilweise zwölf Stunden täglich.

Carolin: Was war Dein schönster und was Dein schlimmster Moment Deiner Jugend?
Margitta:
Ein schöner Moment war, als wir unsere erste eigene Wohnung hatten. Meine Eltern waren sehr behütend, die Freiheit davon war schön. In Datteln bekamen wir keine Zechenwohnung, da Dein Opa als Uhrmacher arbeitete. Nachdem wir gespart hatten, zogen wir in eine kleine, ziemlich neu ausgebaute Dachwohnung, in einem alten Gebäude. Eine Zeit lang hatten wir für Tische und Stühle als Einrichtung gespart, doch einen Tag kam Opa dann nach Hause und sagte, er könne von einem Kumpel ein Auto kaufen.

Das wurde dann kurz entschlossen gemacht. In dem cremefarbenen DKW, dem Vorläufer vom Audi, ging es dann mit Kind und Kegel zur ersten Spritztour auf die 235. Mitten auf der befahrenen Straße gab es auf einmal einen lauten Knall und das Auto wurde stockduster! Es war einfach die Motorhaube aufgesprungen. Wir fuhren dann – ohne etwas richtig sehen zu können – an den Straßenrand, und es sollte nicht das letzte Mal geblieben sein. Das Auto hatte eh ein paar Macken. Es sprang nie an, das heißt, es wurde immer bergab geparkt. Wenn man dann loswollte, musste einer anschieben und der andere, in dem Fall ich, saß am Steuer…
Einen schlimmsten Moment? Eigentlich habe ich immer alles positiv gesehen, in dem Sinne gibt es gar keinen prägenden, schlimmsten Moment.

Carolin: Wer war Deine erste Liebe und wie lief es?
Margitta:
Die erste große Liebe war tatsächlich Dein Opa. Wir haben uns in einer Kneipe kennengelernt, sogar sonntagnachmittags trafen sich dort einige Jugendliche. Wir waren generell immer viele Leute, im Sommer waren wir beispielsweise immer mit allen am Kanal. Dort wurde also immer laut Musik gehört, geschwommen und gefeiert. Dann fing es an, dass er mich immer nach Hause gebracht hat, vor der Tür haben wir dann immer noch lange gequatscht.

Übers Wochenende sind wir auch zusammen mit dem Rad zum Ternschensee und haben dann dort gezeltet. Als ich 18 war, haben wir dann geheiratet, ich brauchte sogar dafür noch die Einwilligung meiner Eltern, da die Volljährigkeit damals erst mit 21 begann.

Carolin: Was wundert Dich an unserer Generation? Hast Du Fragen an uns?
Margitta:
Dass alle so technik-verliebt sind. Das ist meiner Meinung nach total in Ordnung, aber für Ältere manchmal nicht so verständlich. Durch diese neuen Techniken verabredet Ihr Euch auch ganz anders. Wir waren damals viel mehr Jugendliche. Es gab gewisse Treffpunkte, dort ist man einfach hin gegangen – und irgendjemand war immer da.
Zum Schluss kann ich auf jeden Fall sagen, dass ich zufrieden mit meinem Leben bin. Ich hatte eine schöne Jugend. Ich würde gerne die Frage an Eure Generation stellen: „Seid Ihr denn zufrieden und sammelt Ihr gerade Momente, die Ihr später mal erzählen könnt?“
Was wisst Ihr eigentlich über die Jugendjahre Eures Opas oder Eurer Oma? Nicht so viel, oder? Das wollen wir gerne mit Euch ändern! Schreibt uns an, wenn Ihr – und natürlich Eure Großeltern – mitmachen wollt bei unserer Serie! Wir erklären Euch dann alles per Mail: scenario@medienhaus-bauer.de

Teilen