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Felix in Mexiko: Hoffnung auf besseres Leben

Felix Feldmann 19. Dezember 2017 11:31

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    Eva (l.) arbeitet in einem Migrantenhaus und erklärt Felix (M.) ihre Arbeit. Beide versorgen gerade die Neuankömmlinge mit Frühstück und lieben Worten.

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    Weil schon viele Unfälle passiert sind, wird dieser Zug auch „die Bestie“ genannt.

Teil 4 Heute mache ich eine beeindruckende Erfahrung. Ich bin zum ersten Mal zu einem sogenannten Migrantenhaus gefahren, das in Huichapan, der nächst größeren Stadt, liegt. Von diesen Häusern gibt es in Mexiko ziemlich viele und sie dienen als kurzweilige Notunterkunft für Menschen, die – auf der Suche nach einem besseren Leben – durch Mexiko in die USA gelangen wollen.

In der Regel kommen diese Menschen aus Guatemala, Honduras oder El Salvador, den südlichen Nachbarländern Mexikos, in denen die Drogenkriminalität ein noch größeres Problem ist als in Mexiko. In diesen Unterkünften haben sie die Möglichkeit, sich zu waschen, bekommen etwas zu essen und frische Kleidung und haben eine Nacht oder zwei Nächte ein Dach über dem Kopf.

Das Migrantenhaus in Huichapan liegt ziemlich weit ab vom Schuss und, wie die meisten dieser Unterkünfte, direkt an den Eisenbahnschienen. Ich bin mit Eva unterwegs, einer Frau aus Tecozautla, die schon seit Jahren regelmäßig dorthin fährt. Sie erklärt mir, dass die meisten Migranten sich innerhalb Mexikos von Stadt zu Stadt bewegen, indem sie auf einen Güterzug klettern und sich dort stundenlang stehend festhalten müssen. Das sei zwar die schnellste Fortbewegungsmethode, aber gleichzeitig auch die gefährlichste, weil viele Leute während der Fahrt ausgeraubt werden oder vom Zug fallen und sich schwer verletzen oder sogar sterben. Deshalb ist dieser Zug in ganz Mexiko als „Die Bestie“ bekannt.

Am Migrantenhaus angekommen, treffen wir auf vier Menschen, die in der vergangenen Nacht angekommen sind. Wir haben etwas zu essen dabei und machen ihnen und uns erst mal Frühstück. Kurz darauf kommt auch schon Enriqueta an, eine 70-jährige Frau, die seit zwei Jahren jeden Tag in dem Haus arbeitet. Wir alle essen zusammen und kommen mit den Migranten ins Gespräch und erfahren, dass sie aus Honduras kommen und seit etwa einem Monat unterwegs sind, und zwar die meiste Zeit zu Fuß. Einer von ihnen, Santiago, ist 22 und erzählt uns, dass seine Brüder schon seit ein paar Jahren in den USA leben, und er damals zu Hause geblieben ist, weil er noch zu jung war. Jetzt will er auch dorthin, um mit ihnen zu leben, auch wenn sie ihm davon abgeraten haben, weil der Weg zu gefährlich sei.

Auch Enriqueta sagt den Vieren in ein paar ernsten, aber lieb gemeinten Worten, dass sie doch bitte nicht in die USA gehen sollten, weil das viel zu weit und zu schwierig ist, und sie mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder zurückgeschickt würden, selbst, wenn sie dort ankämen.

Familie bricht den Kontakt ab

Enriqueta berichtet mir später, dass fast ihre gesamte Familie den Kontakt zu ihr abgebrochen hat, seit sie in dem Migrantenhaus arbeitet. „Die denken, das wären alles Drogenabhängige oder Kriminelle. Alles Vorurteile. Ich habe denen schon oft gesagt, die sollen einfach mal herkommen und sich selbst ein Bild machen. Meinst du, einer ist gekommen?“ Kinder hat sie keine. „Ich habe hier meine Familie, und die ist riesig. Ich schreibe mir von allen die Namen auf und mache Fotos. Das sind jetzt schon über 1000. Mir ist egal, was die anderen sagen. Ich weiß, dass ich das Richtige tue.“ Ich bin sehr beeindruckt von so viel Mut und Unbeirrbarkeit.

Ihre Familie scheint mit ihrer Abneigung gegenüber mittelamerikanischen Migranten nicht alleine zu sein. Am Abend, zurück in Tecozautla, kurz vor einem Adventsgottesdienst, erzählt mir ein älterer Herr seine Meinung zu dem Thema: „Ich habe ja nichts gegen Migranten, aber die wollen alle in die USA und lassen sich hier in Mexiko von uns bedienen. Wir geben denen was zu essen und zu trinken, und was machen die für uns? Nichts!“ Vielleicht wäre es echt besser, wie Enriqueta sagt, wenn mehr von den Migranten in Mexiko arbeiten würden, statt ihr Glück in den USA zu suchen. Aber ihnen das zum Vorwurf zu machen, finde ich nicht richtig. Nach Nächstenliebe klingt das jedenfalls nicht.

Als Eva und ich am nächsten Tag wieder mit Essen im Gepäck am Migrantenhaus ankommen, empfängt uns Enriqueta ganz aufgeregt: „Die sind schon weg, um den Zug zu erwischen, aber die haben in der Eile kaum gefrühstückt. Wenn wir uns beeilen, können wir denen noch was zu essen bringen, bevor der Zug kommt.“
Wir fahren also entlang der Bahngleise, bis wir die Gruppe von etwa 15, hauptsächlich jungen Männern und einer Jugendlichen, treffen, von denen ich einige noch von gestern kenne, und andere in der Nacht angekommen sind. Wir verteilen Enchiladas, Gebäck und Wasserflaschen. Als wir gerade essen, kommt ein Polizeiauto vorbei. Auf meinen besorgten Blick hin sagt Enriqueta: „Keine Sorge, die können uns nichts. Wir stehen hier einfach nur und essen was.“ Das Auto fährt vorbei. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber ich bin erleichtert. Santiago erzählt, dass er und seine Leute von einer Streife angehalten und gefragt wurden, woher sie kämen und ob sie heute schon was gegessen hätten. Als sie verneinten, wurden sie von den Polizisten zum Essen eingeladen und anschließend haben sie sich wieder auf den Weg gemacht. So was gibt es also auch.

Über Mitmenschlichkeit wundern sich alle

Aus den ungläubigen Gesichtern der übrigen Migranten schließe ich aber, dass so viel Mitmenschlichkeit seitens der Polizei hier eher die Ausnahme ist.
Ein lautes Hupen unterbricht unser Gespräch und kündigt den ankommenden Zug an. Es wird hektisch, alle springen auf, suchen ihre Rucksäcke und Jacken zusammen und schauen erwartungsvoll in Richtung Zug. Enriqueta erklärt mir, dass sich diese Stelle besonders eignet, um den Zug zu erwischen, weil hier eine Betonfabrik ist, von der der Zug einige Container abholt. „Mach Fotos, ich such dich auf Facebook!“, ruft mir einer von ihnen zu, während er die Schienen entlangläuft.

Dann dauert alles doch viel länger, als ich gedacht hätte. Fast eine Stunde lang warten wir dort und schauen dem Zug dabei zu, wie er immer wieder kurz losfährt, um dann wieder zurückzufahren, um weitere Waggons anzudocken. Jedes Mal klettern einige auf den Zug, andere bleiben noch unten, weil sie davon ausgehen, dass er sowieso wieder zurückkommt. Die Stimmung ist angespannt. Diesmal scheint der Zug aber wirklich zu fahren. Nun klettern alle auf den Zug, winken uns im Vorbeifahren grinsend zu. Als wir uns auf dem Weg zum Auto noch mal umdrehen, sehen wir, dass der Zug ein paar Hundert Meter weiter erneut angehalten hat, und alle aufgesprungenen Migranten neben dem Zug stehen. „Mist, da war wohl Aufsichtspersonal auf dem Zug. Oder die Polizei, die vorhin vorbeigefahren ist, hat da gewartet“, vermutet Enriqueta. „Naja, da können wir jetzt leider nichts machen. Wir warten am Migrantenhaus, wenn sie wollen, können sie ja zurückkommen, oder sie versuchen es zu Fuß weiter.“ Zurückgekommen sind sie nicht mehr.

Die Erfahrungen in diesen beiden Tagen haben mich etwas mitgenommen und auf jeden Fall sehr beeindruckt. Ich finde die Arbeit, die Enriqueta macht, toll – und ich möchte in Zukunft regelmäßiger da hingehen, um mitzuhelfen.
Felix Feldmann (23, Marl) verbringt die nächsten zwölf Monate in Mexiko. In der Dorfgemeinde Tecozautla im Bundesstaat Hidalgo arbeitet er im Rahmen eines „weltwärts“-Freiwilligendienstes in sozialen Projekten hauptsächlich mit Kindern und Jugendlichen. Hier bei Scenario könnt Ihr an seinen Erfahrungen teilhaben.

 

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