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Franz interviewt Christel: Die Jugend meiner Oma

Franz 02. März 2018 15:13

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    In Oma Christels Armen fühlt sich Franz wohl. Aber auch Christel hatte Spaß, ihrem Enkel persönliche Fragen für Scenario zu beantworten. Danke an Euch!

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    Während einer Zugfahrt verliebt sich Christel in Udo Werner Egon. Im Juli 1961 wird dann geheiratet. Christel ist zu dieser Zeit 25 Jahre alt.

Serie Glücklich ist, wer Oma und Opa hat. Wo Mama und Papa schon längst mit uns geschimpft hätten, drücken sie ein Auge zu. Sie hören uns zu und nehmen uns in den Arm und bei ihnen gibt’s oft Kaffee und Kuchen. Jederzeit können wir mit unseren Sorgen zu ihnen kommen: Sie wissen Rat, denn sie sind lebenserfahren. Jetzt sollen sie zu Wort kommen – hier bei Scenario. Unsere Jugendredakteure und Leser wollen wissen, wie „die Jugend ihrer Großeltern“ aussah. Hier befragt Scenario-Leser Franz seine 80-jährige Oma Christel aus Recklinghausen/Röllinghausen.

Franz: Was war Dein Lieblingsplatz und wie hat er sich im Laufe der Jahre verändert?
Christel:
Ich bin zum Ende des Jahres 1936 geboren. Ich wuchs mitten im Krieg auf. Mein Elternhaus befand sich abseits der Bochumer Str. in Recklinghausen-Süd. Diese Straße war damals schon eine Hauptstraße, jedoch bis zum Ende des Krieges 1945 erheblich von Bombenangriffen der alliierten Streitkräfte zerstört. Es war viel kaputt! Eine schlimme Zeit war das!

Zwischen 1953/54 zog ich mit meinen Eltern und meinen Geschwistern, ich habe eine Schwester und zwei Brüder, nach Röllinghausen. Da mein Vater Franz ein Hauer war und täglich auf der Zeche König-Ludwig arbeiten musste, half ich meiner Mutter und meiner Schwester Haus und Hof zu bewirtschaften. Wir hatten einen großen Garten mit Obst- und Gemüseanbauflächen und diversen Tieren wie Hühnern und Gänsen, die wir auch zur Selbstversorgung nutzten. In diesem Garten hielten wir uns die meiste Zeit auf und es war somit der schönste Platz in meinen Kinder- und Jugendjahren. Mit der Zeit hat sich alles verändert. Ende der 1980er-Jahre wurde unser Garten mehr und mehr als Bauland freigegeben.

Franz: Wie hast Du Dir das Erwachsenwerden vorgestellt?
Christel:
Ich denke, ich spreche hier für einen Großteil meiner Generation, die während des Krieges aufgewachsen ist. Erwachsen wurden wir alle sehr schnell, denn in erster Linie war es wichtig, zu überleben und im besten Fall seine ganze Familie gesund um sich haben und auch ernähren zu können. Ich stamme aus einer reinen Arbeiterfamilie und alles, was wir Kinder taten, diente dem familiären Wohl. Somit stellte sich für mich nie die Frage oder der Wunsch nach einem individuellen Beruf. Anfang der 1950er-Jahre begann ich, in einer Wäscherei zu arbeiten. Zu meinem Pech bekam ich nach einiger Zeit Probleme mit meinem Rücken. Nach einem längeren Krankenhausaufenthalt hielten meine Eltern es für besser, wenn ich dauerhaft zu Hause bleiben würde und meiner Mutter bei der Versorgung von Haus und Garten helfen würde.

Franz: Was war der schönste und was der schlimmste Moment in Deiner Kindheit/Jugend?
Christel:
Der schönste Moment war, als mein Vater nach dem Krieg unversehrt zurückkehrte. Er war damals Anfang 40 und wurde noch in die letzte Offensive des 3. Reichs im sogenannten „Volkssturm“ eingezogen. Meine beiden Brüder kehrten glücklicherweise ebenfalls körperlich unversehrt aus dem Krieg zurück. Da wusste ich, dass ich unsagbares Glück gehabt hatte, dass ich meine komplette Familie wieder bei mir hatte. Der schlimmste Moment in meiner Jugend war, als mein erster näherer Verwandter, mein Onkel Stanislaus, verstarb. Er starb an einer typischen Bergmannskrankheit, der „Steinstaublunge“, und so hatten wir alle große Angst, dass meinem Vater dasselbe passieren könnte.

Keinen Kontakt zur ersten Liebe

Franz: Wer war Deine erste Liebe, wie ist es gelaufen?
Christel:
Meine erste Liebe lernte ich auf einer Hochzeitsfeier innerhalb der Familie kennen – das war 1956. Es war Herbert, der beste Freund des Bräutigams. Seine Familie wohnte in Opladen. Herbert hatte bereits ein Motorrad und er besuchte mich regelmäßig. Ich fuhr wiederum einige Male mit dem Zug zu ihm. Nach etwa fünf Jahren brach jedoch wie aus dem Nichts der Kontakt ab. Ich vermute, es lag am Ende an der Entfernung, die zwischen uns lag.

Kurz darauf lernte ich Deinen Großvater Udo Werner Egon kennen. Ich wollte eine Freundin in Berlin besuchen und während der Zugreise verliebte ich mich „auf den zweiten Blick“ in Deinen Großvater. Kurz darauf heirateten wir. Das war im Juli 1961. Bald darauf zogen wir nach Röllinghausen, auf die Hermannstraße. 1974, nachdem meine Mutter gestorben war, zogen wir ein paar Straßen weiter in das Haus meiner Eltern zurück. Wir bekamen drei Kinder und blieben bis zum Tod Deines Großvaters im Jahr 2000 verheiratet. Es war als Ehefrau, Hausfrau und Mutter nicht immer leicht, aber ich blicke auf wunderbare Jahre zurück. Als Du dann auf die Welt kamst, Franz, wurde ich zur stolzen Oma gekrönt und das bin ich bis heute mit Leib und Seele.

Franz: Was wundert Dich an meiner Generation? Hast Du Fragen an uns?
Christel:
Ihr seid wesentlich freier aufgewachsen als ich und so manch andere in meiner Generation. Die Freiheit des Menschen ist das höchste Gut, auf das wir täglich achtgeben müssen. Leider mangelt es Eurer Generation manchmal an Respekt. Warum ist das so?

Nach dem Ende des Krieges fingen alle wieder bei null an und heute wird trotz eines freien Europas so viel gegeneinander agiert, gekämpft und gehasst. Hinzu kommt, dass sich politisch verstärkt Tendenzen entwickelt haben, die mir für Eure Zukunft große Sorgen bereiten. Passt gut auf Euch und Eure Mitmenschen auf und lasst Euch nicht von zunehmender Intoleranz und zunehmendem Egoismus blenden! Du und deine Generation müsst Euch immer und immer wieder vor Augen halten: „Nie wieder Krieg“!
Was wisst Ihr über die Jugendjahre Eures Opas oder Eurer Oma oder gar über die Euer Urgroßeltern? Nicht so viel, oder? Das wollen wir gerne mit Euch ändern! Schreibt uns an, wenn Ihr – und natürlich Eure Großeltern – mitmachen wollt bei unserer Serie! Hierhin bitte: scenario@medienhaus-bauer.de

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