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Jan-Henrik in Thailand: Keine Musikmonster im Tempel

Jan-Henrik Seifert 14. Mai 2018 10:58

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    Jan-Henrik strahlt übers ganze Gesicht, weil er so begeistert ist: von dem Tempel an sich und von seinen ausnahmsweise stillen Schülern, die mit ihm diese Anlage besichtigen.

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    Kwan (l.) und Jan-Henrik sind happy: Sie haben Roller ausgeliehen bekommen.

Teil 6 Die ersten Wochen im Technical College Buri Ram fliegen nur so dahin. Ständig sind meine Freundin Kwan, mein Kumpel Tobi und ich in Unterrichtsvorbereitungen und immer auf der Suche nach neuen Ideen, die den Unterricht lebhaft und den Jugendlichen angepasst gestalten. Anders als damals in Laos befassen wir uns jetzt mit Jugendlichen, die sich bereits in einer Berufsausbildung befinden.

Viele von ihnen haben eine klare berufliche Vorstellung und sich für den Beruf aus eigenem Antrieb entschieden. Und je nach Berufswahl stößt der Englischunterricht auf mehr oder weniger großes Interesse. Die Schüler aus Gastronomie und Hotelfach inhalieren den Englischunterricht beinahe und es macht riesigen Spaß, hier mit ihnen zu arbeiten und die Fortschritte mitzuerleben.

In anderen Klassen, dort, wo Englisch nach eigenem Empfinden nicht unbedingt benötigt wird, ist es eher zäh. Ich würde mal behaupten, wie zu Hause, wenn man als Schüler in der siebten Stunde Englisch paukt, der Magen knurrt und die Konzentration nachlässt. Ansonsten macht es großen Spaß am College. Die Schülerinnen und Schüler sind die Höflichkeit in Person und man erwischt sie wirklich nur ganz selten mit dem Handy im Unterricht. Selbst Abschreiben scheint hier ein No-Go zu sein. Ich sage „scheint“, vielleicht haben sie aber auch nur bessere Tricks drauf und wir erwischen sie einfach nicht.

Die Schule selbst ist mit ihren Tausenden von Schülern riesig. Allerdings – und das finde ich immer wieder faszinierend – ist hier alles super strukturiert. Die Schule gleicht einem Bienenstock. Überall Stimmengewirr und Menschentrauben. In den ersten Tagen dachten wir noch, dass hier alle Menschen durcheinanderlaufen und kein wirkliches Ziel haben. Nach einigen Tagen mussten wir diesen Eindruck revidieren. Was wirr aussah, tropfte am Ende immer gezielt in eine bestimmte Richtung und endete gefiltert in Klassenräumen,
Essensplätzen oder am Ausgang.

Keine Kaugummis unter den Tischen und Bänken

Auch die Ausstattung der Klassenzimmer hat uns positiv überrascht: ordentliche Tafeln, Whiteboards, ausreichend Kreide und Stifte. Die Stühle und Tische für die Schüler sind sauber und unbemalt – ein angeklebtes Kaugummi unter dem Tisch oder Stuhl sucht man vergeblich. Alle gehen pfleglich mit den geliehenen Gegenständen um.

Die Bücher sind höchstens von der Luftfeuchtigkeit etwas gewellt und man sieht ihnen an, dass sie durch viele Hände gegangen sind, aber nie – jedenfalls habe ich es nicht entdeckt – ist eine Seite rausgerissen oder bemalt. Schulsachen werden an diesem College wertgeschätzt und ich finde das echt beeindruckend, insbesondere, wenn ich an meine Klassenräume und übernommenen Bücher denke.

Mich überfiel in meiner Schule beinahe jedes Mal purer Ekel, wenn zwischen den Buchseiten undefinierbare Krümel klebten. Zu den Schülerinnen und Schülern haben wir mittlerweile auch einen guten Draht. Zum Glück mit wirklich allen, auch mit denen aus der „zähen“ Fraktion. Das gelang uns durch ein „Speed-Dating“ zur Vorstellung organisiert und die Schüler haben mit uns mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln kommuniziert. Eine riesige Gaudi – und ich bin froh, dass ich einige Erfahrung aus meinem Freiwilligenjahr in Laos hier einfließen lassen kann. Natürlich hilft es, dass wir Thai und Englisch sprechen, so ist die Akzeptanz deutlich spürbar. Gut ist natürlich auch, dass meine Freundin Kwan als Muttersprachlerin dabei ist, so sind wir immer sprachfähig.

Inzwischen haben wir mit den Schülern schon einige Ausflüge gestaltet – quasi ein kleiner „Ausflugssprachlehrgang“, allerdings schleppen sie immer riesige Gettoblaster mit sich, sodass während der Fahrt im Grunde nie ein Gespräch stattfinden kann. Auch auf der Fahrt zum Tempel wird das Musikmonster mitgenommen. Die Tempel sind in diesem Teil des Landes ebenso beeindruckend wie im restlichen. Ich bin immer wieder von dieser Baukunst geflasht und frage mich, wie die Menschen diese riesigen Brocken Gestein so kunstvoll in schwindelerregende Höhen geschafft haben.

Die parkähnlichen Tempelanlagen strahlen immer Ruhe und Frieden aus. Wir bewegen uns alle leise und irgendwie andächtig. Niemand schreit herum oder lacht unangemessen laut. Hier im Park sind die lärmenden Gettoblaster-Schüler von gerade still und laufen gesittet umher. Die Rückfahrt hingegen wird aber wieder zur eine lärmenden Höllentour. Also doch ganz normale Jugendliche! Und ich bin froh, als wir später wieder auf dem Schulgelände sind.

Die Tour war ganz schön anstrengend, da wir die ganze Zeit viele Treppen und unebenen Boden unter den Füßen hatten. Wir sind total geschafft und wollen eigentlich nur noch die angeschwollenen Füße hochlegen, als ein Pick-up auf das Gelände fährt. Kwan springt auf und quiekt in freudig-erregter Thai-Manier. Ich verstehe nicht – sie rennt auf den Pick-up zu, der zwei Roller auf der Ladefläche hat, die bedenklich hin- und herschwingen. Nachdem sich die Sandwolke nach dem Bremsvorgang gelegt hat, steigen zwei Männer aus, die Kwan überschwänglich begrüßt. Es stellt sich heraus, dass es ihr Onkel und ihr Opa sind. Kwan hat sie seit fünf Jahren nicht mehr gesehen. Die beiden wollen uns mit zwei Rollern überraschen, damit wir etwas mobiler sind und sie bald besuchen kommen. Unglaublich, einfach so! Sie bringen uns diese wertvollen Roller und zugleich eine Einladung. Die ganze Familie wünscht sich Kwan zu sehen und natürlich sind Tobi und ich auch eingeladen. Wir sind gerührt, freuen uns riesig und sagen natürlich schnell zu.

Gleich nächstes Wochenende werden wir uns nach dem Unterricht auf den Weg machen. Viel Zeit bleibt uns ja auch nicht mehr, denn in der nächsten Woche endet das Uniprojekt und dann steht endlich Laos an.
Jan-Henrik Seifert (21, Recklinghausen) ist ein alter Bekannter unserer Reihe. Als einer der Ersten berichtete er bei Scenario von seinem Aufenthalt in Laos. Inzwischen studiert er Asien/Afrika-Regionalwissenschaften in Berlin und wird nun wieder bei uns über ein Uni-Projekt in Thailand und seine Rückkehr nach Laos berichten.

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