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Kathi interviewt Maria: Die Jugend meiner Oma

Kathi Lenger 02. März 2018 15:22

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    Zwei, die sich gut verstehen: Maria (l.) wird geherzt von Kathi. Die 79-jährige Hertenerin gab ihrer Enkelin und uns einen Einblick in ihre Jugend. Danke für diese Offenheit!

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    Maria ist auf diesem Foto fast so alt wie ihre Enkelin Kathi jetzt. Hier steht sie neben Heinrich, ihrer großen Liebe.

Serie Glücklich ist, wer Oma und Opa hat. Wo Mama und Papa schon längst mit uns geschimpft hätten, drücken sie ein Auge zu. Sie hören uns zu und nehmen uns in den Arm und bei ihnen gibt’s oft Kaffee und Kuchen. Jederzeit können wir mit unseren Sorgen zu ihnen kommen: Sie wissen Rat, denn sie sind lebenserfahren. Jetzt sollen sie zu Wort kommen – hier bei Scenario. Unsere Jugendredakteure und Leser wollen wissen, wie „die Jugend ihrer Großeltern“ aussah. Hier befragt Jugendredakteurin Kathi ihre 79-jährige Oma Maria aus Herten.

Kathi: Was war Dein Lieblingsplatz und wie hat er sich im Laufe der Jahre verändert?
Maria:
Ich bin im Jahre 1938 geboren und im Münsterland mit acht Geschwistern – drei Mädels und fünf Jungs – aufgewachsen. Wir haben auf einem riesigen Bauernhof gelebt. Dort hatten wir sechs Kühe, zwei Pferde, Katzen, einen Hund, Schweine und Hühner. Für mich war der Bauernhof mein Lieblingsplatz – es war immer etwas zu tun. Vor allem meine Oma hatte immer Zeit für uns. Sie hat mit uns gebetet und Karten gespielt. Auf unserem Bauernhof hatten wir außerdem einen großen Gemüseanbau. Und auch Obstbäume, wie Apfel- und Kirschbäume, standen dort. Wir waren schließlich Selbstversorger.

Während des Zweiten Weltkrieges habe ich immer wieder mitbekommen, wie Kampfflugzeuge einige Bauern beschossen hatten. Das war eine sehr schlimme Zeit. Trotzdem kam ich im Jahre 1944 in die Schule, die zu Fuß eine Stunde entfernt lag. Und ich kann mich noch genau daran erinnern, dass uns unser Lehrer bei Fliegerangriffen immer nach Hause geschickt hat. Mit 22 Jahren zog ich schließlich wegen der Heirat in die Stadt Herten.

Kathi: Wie hast Du Dir das Erwachsenwerden vorgestellt?
Maria:
Durch die Arbeit auf unserem Bauernhof fiel es mir nicht allzu schwer, erwachsen zu werden. Wir mussten Kühe melken, Gartenarbeit erledigen, Eier aus dem Hühnerstall holen, im Haushalt helfen und einiges mehr. Es war immer etwas zu tun. Erwachsen werden hieß für unsere Generation: Heiraten, Kinder bekommen, sie großziehen und den Haushalt schmeißen. Nach meiner Schulzeit, da war ich gerade einmal 14 Jahre jung, habe ich im Krankenhaus eine Hauswirtschaftslehre absolviert und dort nur ein Jahr in der Küche gearbeitet. Nebenbei besuchte ich außerdem noch einen Nähkurs. Doch es gab sehr viel zu tun auf unserem Hof und auf dem Acker, sodass ich schließlich die Arbeit im Krankenhaus aufgeben musste.

Das Schönste? Die Zeit auf dem elterlichen Hof

Kathi: Was war der schönste und was der schlimmste Moment in Deiner Kindheit und Jugend?
Maria:
Die Zeit auf dem Hof mit meinen Eltern und meinen Geschwistern war einfach die schönste. Wenn ich jedoch über den schönsten Moment nachdenke, fällt mir direkt die Geburt meines jüngsten Bruders ein. Meine Mama war im neunten Monat schwanger und es gab noch gar keine Anzeichen dafür, dass mein Bruder bald kommen wird. Meine Oma jedoch hatte an diesem Tag immer wieder gesagt: „Das Baby wird heute noch kommen.“ Sie hat es meiner Mama angesehen.

Und weil meine Oma nicht locker gelassen hat, haben sich meine Eltern dazu entschieden, mit der Kutsche ins Krankenhaus zu fahren. Unterwegs wurden sie von einem Autofahrer angehalten, denn das eine Rad der Kutsche war so locker, dass es hätte abfallen können. So fuhr der Fahrer meine Eltern dann ins Krankenhaus. Und obwohl es dort keinen Platz mehr gab, wurde meine Mama dort aufgenommen. In der Nacht kam dann auch mein Bruder zur Welt.

Der schlimmste Moment in meinem Leben war unter anderem der Tod meiner Schwester Katharina. Sie ist mit gerade einmal 19 Jahren an meinem Geburtstag verstorben. Früher gab es ja keine Vorsorgeimpfungen für Tetanus und sie hatte eine Wunde am Fuß. Bei Gartenarbeiten waren wir oft mit nackten Füßen unterwegs. Dadurch hatte sie sich die Bakterien eingefangen, die erst dazu führten, dass ihr Fuß kribbelte. Daraufhin bekam sie einen Wundstarrkrampf. Auch die Ärzte im Krankenhaus konnten ihr nicht helfen. Innerhalb von drei Wochen war sie tot.

Kathi: Wer war Deine erste Liebe, wie ist es gelaufen?
Maria:
Meine erste Liebe habe ich mit ca. 21 Jahren kennengelernt, meinen zukünftigen Ehemann, Deinen Opa. Als ich noch auf dem Hof bei meinen Eltern gewohnt hatte, kam eines Tages eine Nachbarin zu uns. Sie erzählte über einen Mann, der seine Frau durch eine Krankheit verloren hatte und nun mit zwei Kindern alleine war. Da fragte sie mich, ob das nicht jemand für mich wäre – da war ich gerade einmal 20 Jahre jung. Erst war ich skeptisch, doch dann schrieben wir uns tatsächlich regelmäßig Briefe, lange Briefe. Bis wir uns schließlich das erste Mal in Stromberg getroffen hatten.

Wir unterhielten uns sehr lange und der Funke ist direkt übergesprungen. Nach einem Jahr heirateten wir und ich zog zu ihm nach Herten. Mit jungen 22 Jahren trug ich plötzlich die volle Verantwortung für zwei Kinder – das eine war zu diesem Zeitpunkt fünf, das andere neun Jahre alt. Mit 23 Jahren kam dann unsere erste Tochter zur Welt, zwei weitere Mädels folgten. Wir waren eine Großfamilie, da war immer etwas los. Als ich 39 Jahre alt war, verstarb mein Mann bei einem Grubenunglück. Das war ein sehr schlimmer Verlust für uns alle.

Kathi: Was wundert Dich an meiner Generation? Hast Du Fragen an uns?
Maria:
Die heutige Generation ist viel digitalisierter. Es gibt Smartphones, Laptops, iPads. Jeder ist mit jedem vernetzt. Ich kenne mich damit nicht aus und brauche das auch nicht mehr in meinem Alter. Jedoch finde ich es etwas schade, dass keine oder kaum noch Briefe verschickt werden, so wie früher. Mit den Handys geht das dann doch alles schneller. Was mir auch aufgefallen ist, dass die heutige Generation sehr aufgeschlossen ist und Interesse an Menschen und anderen Kulturen zeigt. Das finde ich ganz toll!
Was wisst Ihr über die Jugendjahre Eurer Großeltern? Nicht so viel, oder? Das wollen wir gerne mit Euch ändern! Schreibt uns an, wenn Ihr mit Oma oder Opa dabei sein wollt: scenario@medienhaus-bauer.de

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