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Myrta in Indien: Die Zeit nimmt einen ein

Myrta Konietzka 13. März 2017 16:52

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    Das Pongal-Fest, das auch Myrta mitgefeiert hat, ist ein Fest, bei dem dem Sonnengott für eine reichhaltige Ernte gedankt wird – und auch der Gemeinschaftssinn steht bei dieser Feier im Vordergrund.

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    Gleich gibt es Essen! Alle warten hungrig darauf, dass in den Lehmtöpfen die Milch mit dem Reis überkocht.

Indien - Teil 3 Und hier melde ich mich wieder einmal aus dem Süden Indiens. Die Zeit hier nimmt einen doch sehr ein, dass es nicht immer leicht ist, den Moment zu finden, einen kleinen Überblick nach Deutschland zu senden. Dies als kleine Entschuldigung für den doch etwas zurückliegenden Anfang meiner Berichterstattung.

Weihnachten hat sich bei mir eher „traditionell“ ereignet. Damit meine ich die Tatsache, dass es einen Weihnachtsbaum gab, sogar mit echtem Kerzenlicht an den Zweigen, ein „Festmahl“, bestehen aus selbst gemachten Klößen, Rotkohl, Bohnen, einer erfrischenden Salatmischung und natürlich Plätzchen nebenbei. Eine kleine Essensabwechslung neben denen sehr leckeren, aber auch sehr Reis-lastigen Speisen hier. So gab es auf der Dachterrasse des Hauses in Kottakarai, dem Dorf nahe Auroville, in dem ich seit Beginn an wohne, sogar eine kleine Bescherung. Einige sind gegen Mitternacht noch zur Kirche nach Pondicherry gefahren, ich habe es jedoch bevorzugt, den Abend mit dem Rest der Truppe, bestehend aus meinen Mitstreitern aus Deutschland und Freunden aus Auroville, gemütlich ausklingen zu lassen.

Zur Hochzeit nach Bombay

Am nächsten Tag ging es dann auf die Zufahrt nach Bombay, wo ich zu der Hochzeit der Schwester einer Freundin aus Auroville eingeladen war. Für die Zugfahrt hatten wir „Sleeper“ gebucht, da eine ungefähr 36-Stunden-Reise, sich doch erholsamer erlebt, wenn man sich zwischendurch in die Horizontale bewegt. Zwei Nächte und ein ganzer Tag im Zug, wo einem offene Waggon-Türen frische Luft und das Beobachten der passierenden Landschaft ermöglichten, während einem der Wind um die Ohren bläst. Jeder einzelne Waggon hatte dabei seine eigene spezielle Atmosphäre, erzeugt durch die Menschen, die sich darin befanden.

Für die Kinder wurde vereinzelt ein zusätzlicher Schlaf- und Spielplatz errichtet, indem eine Hängematte zwischen den gegenüberliegenden Schlafmatten einer Kabine, aufgehängt wurde. Essen gab es an den Bahnsteigen, an denen gehalten wurde, wobei man sich dafür eher beeilen musste, etwas zu bekommen, damit man nicht am Ende den sich unerwartet wieder in Bewegung setzenden Zug verpasst. Sicherer war dann doch, sich das Essen von den durch den Zug laufenden Verkäufern zu besorgen, die sich durch marktschreierisches Rufen schon von Weitem bemerkbar machten.

Kulturschock und Überforderung

Wir hingegen hatten jedoch das Glück von lieben Sitznachbarn nahrungstechnisch versorgt zu werden, die sich offenbar besser präpariert hatten für die Fahrt. Bombay selber gab mir dann doch das erste Mal ein Gefühl von Kulturschock, wenn man meine gefühlte Überforderung als solchen bezeichnen kann. Vielleicht auch weniger Überforderung als mehr der plötzliche Umschwung zwischen der langsamen, sich sehr viel Zeit für Entscheidungen nehmenden, ruhigen Welt in Auroville und der im sehr viel schnelleren Takt laufenden, dynamischen Bewegung einer der vielseitigsten Metropolen Indiens. Ein komplett anderer Rhythmus, an den ich mich erst mal gewöhnen musste. Für die Hochzeit war unser Plan, rechtzeitig zu dem zwei Tage zuvor gehaltenen Vorevent zu kommen, an dem von vormittags an den Frauen mit aufwendigen Mehndi die Händen geschmückt wurden, was man bei uns unter „Henna“ versteht, und abends auf den Dächern von Bombay gespeist und gefeiert wurde. Am Hochzeitstag selber wurde zunächst der amtliche Teil mit Braut und Bräutigam abgehalten, bevor es zu einer sich durch den Abend ziehenden Fotosession des Brautpaares mit den Gästen kam.

Zurück in Auroville durfte ich Teil des Pongal-Festes werden. Ein Erntedank-Fest, das nach dem tamilischen Kalender gefeiert wird, bei dem dem Sonnengott für eine reichhaltige Ernte gedankt wird. Es ist eines der traditionellsten, ältesten, tamilischen Feste und geht über vier Tage. Jeder Tag wird dabei mit besonderen Merkmalen gefeiert. Dazu gehören beispielsweise das Reinigen des Hauses von alten Gegenständen als eine Art innerer Reinigung negativer Emotionen oder die Ehrung des Rindes, durch das die Feldarbeit überhaupt möglich war. Dabei werden die Tiere prachtvoll geschmückt und an den Hörnern farbig bemalt, was sich gut auf den Straßen hier beobachten ließ. Ein weiteres signifikantes Merkmal ist die Zubereitung von „Pongal“, eine süß oder salzige Reisspeise gemischt mit anderen verschiedenen Getreidesorten und Jaggery.

Die in Milch zubereitet Mischung wird dabei bis zum Überkochen gebracht, was wohl den besonderen Reichtum der Ernte kennzeichnet. Dieses Ereignis durfte ich bei der Arbeit miterleben, wobei sich ein Großteil der Mitarbeiter feierlich im Zirkel zusammenfanden und die Pongal-Zubereitung in geschmückten Lehmtöpfen platziert auf einem Steinherd verfolgten. Dabei hatte jeder die Möglichkeit, seine persönlichen Werte in Verbindung mit dem Festival zu teilen.
Soweit erst mal ein kleiner Überblick aus einer sehr aufregenden Zeit.
Myrta Konietzka (23, Herten) lebt nun ein Jahr in Südindien. In der Stadt Auroville arbeitet sie im Rahmen eines weltwärts-Freiwilligendienstes in einer Nichtregierungsorganisation, die sich mit integrativen Bildungsprogrammen für die Dorfentwicklung vor Ort einsetzt. Bei Scenario berichtet sie von ihrem neuen Leben in Auroville.

 

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