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Patrick interviewt Friedhelm: Die Jugend meines Opas

Patrick Steckel 06. September 2018 09:51

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    Patrick (l.) hält seinen Opa Friedhelm fest. Beide schenken einander Kraft. Vielen Dank für das so persönliche Interview!

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    Warten auf die Brieftauben: Friedhelm (r.) mit kleinem Bruder Horst (ca. 1962). Seit frühester Jugend ist er Brieftaubenzüchter. Er übernahm das Hobby und hat im Laufe der Jahre etliche Preise und Pokale mit seinen Tauben „erflogen“.

Glücklich ist, wer Oma und Opa hat. Wo Mama und Papa schon längst mit uns geschimpft hätten, drücken sie ein Auge zu. Sie hören uns zu, nehmen uns in den Arm und bei ihnen gibt’s oft Kaffee und Kuchen. Jederzeit können wir mit unseren Sorgen zu ihnen kommen: Sie wissen Rat, denn sie sind lebenserfahren. Jetzt sollen sie zu Wort kommen – hier bei Scenario. Unsere Jugendredakteure und Leser wollen wissen, wie „die Jugend ihrer Großeltern“ aussah. Heute befragt der 21-jährige Patrick Steckel seinen 73-jährigen Opa Friedhelm.

Patrick: Was war Dein Lieblingsplatz und wie hat er sich im Laufe der Jahre verändert?
Friedhelm:
Wir Knirpse hatten nach der Schule einen wunderbaren Lieblingsort: die Brandheide. Bis spätabends hielten wir uns dort auf. Das Wasserkreuz längs der Emscher war unser Treffpunkt. Im Wald haben wir die Absturzstelle eines Kampffliegers inspiziert, kannten jeden Fuchsbau, kein Nest blieb uns verborgen und kein Baum war uns zu hoch, denn wir waren auch Lieferanten für nestjunge Eichelhäher.

Die Brücke am Eichenweg, über der A2, war damals noch nicht fertig. Die Zahl der Autos war sehr gering: Nur alle paar Minuten kam eines, auch Militärfahrzeuge. In langen Kolonnen fuhren sie an uns vorbei. Wir bettelten sie an, manchmal warfen sie uns Trockenmilch, Kaugummi oder eine Apfelsine zu. Das frühere Wegenetz reichte von Pöppinghausen bis zum Emschertalweg. Heute finden wir Unmengen an Trimmstrecken vor, eindeutig zu viele dieser Trampelpfade. Die Brandheide ist ein zu schützendes Areal und soll der Nachwelt als kostenloser Raum erhalten bleiben.

Patrick: Wie hast Du Dir das Erwachsenwerden vorgestellt?
Friedhelm:
Eine Vorstellung gab es nicht, denn unser Vater war schwer kriegsverwundet. Mir wurde eingehämmert, die Schule gut zu beenden, mich gut im Beruf einzugliedern, meinen Teil für die Familie beizutragen. Das war die Ansage. Allerorts waren die Menschen so geprägt. Sparsamkeit war angesagt. 1956 wurde das Eigenheim gebaut. Hier musste ich teilweise unseren Vater bei der täglichen Arbeit ersetzen. So sind mein jüngerer Bruder und ich erwachsen geworden. Es war gar nicht so schlimm, wir hatten auch unsere Freiräume und Hobbys. Natürlich hat uns dieser Umstand bis heute geprägt.

Patrick: Was war der schönste und was war der schlimmste Moment in deinem Leben?
Friedhelm
: Das Schönste war sicher die Geburt unserer beiden Söhne. Die Verantwortung für das neue Leben, ihnen ein sicheres Zuhause zu ermöglichen. Das Schlimmste, in unserer Familie, geht auf etliche hundert Jahre zurück: Es gab keine Ehescheidungen. Dann passierte es, ausgerechnet in Deiner Familie. Vorher wart Ihr ständig um uns herum. Als Eure Mutter auszog und Ihr mit kleinen Köfferchen aus der Einfahrt gegangen seid, brach es bei mir los. Obwohl wir nur einige hundert Meter getrennt waren, war das mein schlimmster Moment. Heute lebt Ihr wieder bei uns.

Patrick: Wer war Deine erste Liebe und wie ist es gelaufen?
Friedhelm:
Meine erste Liebe war eine Klassenmitschülerin in der Grundschule. Damals noch bis zum achten Schuljahr. Sie zog mit ihrer Mutter in die Schweiz – aus die Maus.

Patrick: Was wundert Dich an meiner Generation und hast Du Fragen an uns?
Friedhelm:
Heute ist alles rasend schnell. Man darf, kann und soll die Zeit nicht anhalten, dennoch wird alles unpersönlicher, schneller, höher, weiter, ohne Rücksicht auf das eigene Umfeld. Es dreht sich alles nur noch um einen selbst. Die Magie, sich verwirklichen zu wollen, bringt aber nur Unruhe. Die Medien nehmen hierbei einen großen Platz ein. Sieben Euro auszugeben, dabei nur fünf Euro in der Tasche zu haben, die Menschheit macht sich hier etwas vor.

Eure Generation wird länger im Berufsleben stehen müssen, im Hinblick auf mögliche Altersarmut. Vereine, Ehrenämter werden es merken, man hat keine Zeit mehr. Es fängt schon in der Schule an: Zeit zum Training bleibt kaum übrig. Ich komme ohne Handy und Bankkarte aus. Das Einzige, was mich aufregt, ist, wenn meine Tauben nach einem Preisflug nicht pünktlich wieder im Schlag sind.

Was wisst Ihr über die Jugendjahre Eurer Großeltern? Nicht so viel, oder? Das wollen wir mit Euch ändern! Schreibt uns an, wenn Ihr mit Eurer Oma oder Eurem Opa dabei sein wollt: scenario@medienhaus-bauer.de

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