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WG-Erfahrungen: Annika und ihre zwei Männer

Annika Mittelbach 08. März 2017 12:22

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    Zu früh gefreut! Annika guckte nicht schlecht, als sie den Kühlschrank in ihrer WG öffnete, um sich dort ein reserviertes Kuchenstück herauszunehmen. Doch statt der Kalorienbombe gab’s nur einen kleinen Hinweis: „War lecker“. So geht’s also in einer Wohngemeinschaft zu.

Erfahrungen Annika wohnt mit zwei Männern zusammen und hat sich dadurch positiv verändert

Es ist jetzt ungefähr ein Jahr her, dass ich mein kuscheliges Nest in Marl verlassen und mich auf in die große weite Welt gemacht habe. Es war gut und aufregend und ist es auch immer noch – vor allem dank meiner Wohngemeinschaft mit zwei Männern.
Die „große weite Welt“ ist in meinem Fall nur Bochum, und damit auch nur eine halbe Stunde Autofahrt vom elterlichen Heim entfernt, doch trotzdem ist der Unterschied in dieser Ruhrpott-Großstadt zu wohnen statt in meiner Heimat groß.

Das fängt allein schon bei der Mobilität an. Gut, in Marl hatte ich mein Auto, doch in Bochum wohne ich in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofes. Die Welt steht mir offen – und das nicht nur bis 22 Uhr, wenn der letzte Bus fährt. In Bochum habe ich zudem eine U-Bahn-Haltestelle direkt vor der Haustür, mit der ich an besonders faulen Tagen eine Station zum „Haubi“ fahren kann. Ich sage Euch, das ist die pure Freiheit. Doch nicht nur die Mobilität hat sich um 100 % bei mir gesteigert: Ich selbst habe mich auch verändert. Nach meinem ersten Versuch, von zu Hause auszuziehen, dachte ich, ich werde Marl niemals wieder verlassen. Ich liebe Marl! Das hat sich auch jetzt nicht geändert. Doch fürs Studium jeden Tag zu pendeln geht nach ein paar Jahren dann doch irgendwann auf den Geist. Und dieses Zurückkommen – zu meinen Eltern, in mein altes Zimmer – hat auch was mit meiner Psyche gemacht. Die Frage, ob ich alleine überhaupt überlebensfähig bin oder mich ein Leben lang nur von Tütensuppen ernähren würde, würde ich noch mal ausziehen, hat sich mir immer wieder aufgedrängt. Bis irgendwann der Moment kam und ich doch noch mal den Versuch wagen wollte, die Flügel zu spannen und zu gehen.

Der eine macht die Nacht zum Tag

Gegangen bin ich von einem behüteten Zuhause bei Mama in eine WG mit zwei jungen Männern. Das sorgt beim ersten Erzählen oft für Erstaunen. „Echt? Duuu mit zwei Kerlen alleine???“ Ja! Denn die beiden sind keine „Kerle“, sondern eher wie meine Brüder. In dem vergangenen Jahr sind sie mir ans Herz gewachsen und ich würde sie für niemanden tauschen wollen – auch wenn sie natürlich ihre Macken haben. Der eine macht die Nacht zum Tag und zockt, wenn andere schlafen. Morgens sagen wir uns kurz „Hallo“, bevor er schlafen geht und ich arbeiten oder zur Uni gehe.

Der andere hat ein riesiges Herz und liebt es, neue Menschen kennenzulernen und ständig auf Achse zu sein. Das bedeutet fürs Zusammenleben, dass eigentlich immer Leben in der Bude ist: Jam-Sessions, gemütliches Beinandersein, Spieleabende. Ich muss nie alleine sein, wenn ich es nicht möchte. Und kann es sein, wenn ich Zeit für mich brauche. Zumindest meistens.

Natürlich ist unsere WG unglaublich chaotisch und zugegebenermaßen auch ein bisschen dreckig. Aber wir Drei sind cool damit und fühlen uns wohl, warum dann also stressen? Generell sind wir bei solchen Dingen entspannt, sodass es in einem Jahr tatsächlich nur einmal zu etwas gekommen ist, dass man ansatzweise als Streit bezeichnen könnte. Und der basierte nur auf einem Missverständnis, das sich hinterher aufgeklärt hat. Es ging um ein unschuldiges kleines Stück Kuchen. Eine Freundin hatte den Schokokuchen mit Liebe gebacken und ich stellte ein Stück davon auf einen kleinen Teller in mein Kühlschrankfach. Dabei erwähnte ich einem Mitbewohner gegenüber, dass ich mich unheimlich auf dieses Stück Kuchen freue, dass ich es am nächsten Tag auf der Arbeit essen werde und vermutlich nie etwas Leckereres gegessen habe. Kurz: Ich habe klar gemacht, dass ich diesen Kuchen unbedingt futtern will.

"Wer hat meinen Kuchen gegessen?!"

Am nächsten Morgen stehe ich voller Vorfreude vorm Kühlschrank und finde nur noch einen leeren Teller vor. Mitbewohner 1 schläft noch, der andere ist arbeiten. Ich schreibe wutentbrannt in unsere WhatsApp-Gruppe: „Wer hat meinen Kuchen gegessen?!“ Keiner weiß es, auch nicht der Bruder vom Schlafenden, der es sich in meinem Zimmer bequem gemacht hat. Ich solle mich nicht so aufregen, es sei ja schließlich nur ein Stück Kuchen. Ich fange eine Grundsatz-Diskussion an und lamentiere von Grenzen, die eingehalten werden müssen und fühle mich wie ein kleiner Trump, als ich eine Mauer zwischen meinem Fach und den anderen im Kühlschrank ziehen möchte. In meinem Kopf bilden sich zeitgleich böse Rachepläne gegen den schlafenden Mitbewohner.

Als dieser aufwacht und mitten in den WhatsApp-Streit kommt, schleicht er sich in die Küche zu mir. „Ich will ja nicht gemein sein aber... ich hab den auch nicht gegessen. Mein Bruder war das.“ Der, der mir vorher noch so frech ins Gesicht gelogen hatte, dass er nicht wisse, wer den Kuchen verputzt hat! Die Wut auf meine Jungs verflog. Und ich war froh, dass ich meine Rachepläne nicht in die Tat umgesetzt hatte.
Was diese kleine Geschichte aber eigentlich nur verdeutlicht: Ich habe mich verändert. Während ich früher den Kopf eingezogen hätte und alles mit mir hätte machen lassen, hab’ ich mich gewehrt. Und das ist auch etwas, das meine Jungs immer wieder von mir fordern. Sie wollen, dass ich für mich einstehe und auch mal egoistischer bin. Sie locken mich aus meiner Reserve und sie sind für mich da, wenn ich sie brauche. Freunde werden zur Familie – das ist kein blöder Spruch, sondern die Wahrheit.
 

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