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Interview mit AnnenMayKantereit: Die Liebe berauscht zu glücklicheren Songs

Steffen Rüth 02. Januar 2019 11:19

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    Die vier Jungs von AnnenMayKantereit arbeiteten in Katalonien mit ihrem Produzenten Markus Ganter an ihren neuen Songs.

Alles ist nicht beim Alten geblieben für diese vier Mittzwanziger-Jungs aus Köln namens Henning May (Gesang), Christopher Annen (Gitarre), Severin Kantereit (Schlagzeug) und Malte Huck (Bass). Nach dem Nummer-Eins-Erfolg mit dem ersten Album „Alles nix Konkretes“ mussten sich die vier ein Stück weit neu justieren, sie sind jetzt ein bisschen prominent – und das war erst einmal komisch. Musikalisch haben sich die gefühlsintensiven Indie-Pop-Jungs auf der zweiten Platte „Schlagschatten“ nun etwas weiter geöffnet. Neben den bewährt rauchstimmig von Henning vorgetragenen Balladen mischen sich flottere, zuweilen nah am Schlager vorbeischrammende Lieder („In meinem Bett“), aber auch coole Discosongs wie „Ich geh heut nicht mehr tanzen“. Wir unterhielten uns mit Henning May und Christopher Annen über die neuen Songs, übers Wohnen und fragten, was Glück ist.

Scenario: Henning, auf Eurem aktuellen Album ist dein Bett Mittelpunkt gleich mehrerer Songs, etwa „Nur wegen dir“ oder „In meinem Bett“. Woran liegt das?
Henning May: Wir alle haben viel Privatsphäre verloren, ich als Sänger noch mehr als die anderen. Mein Zimmer ist deshalb meine Höhle und mein Schildkrötenpanzer und fast der einzige Ort, an dem ich wirklich privat bin und Intimität ausleben kann. Das führt dazu, dass mein Bett eine große Strahlkraft besitzt und auch eine Form von Erholung bietet. Wir waren sehr viel auf Tour, das war toll, aber auch anstrengend. Und ich liebe ein frisch gemachtes Bett, das noch ein bisschen nach mir riecht, daneben steht eine schöne Flasche Medium-Wasser. Traumhaft.

Scenario: Wohnst Du noch mit Severin in Eurer Vierer-WG auf zwölf Quadratmetern?
Christopher Annen: Ich bin umgezogen innerhalb der Wohnung. Jetzt habe ich vier Quadratmeter mehr. Einer ist ausgezogen – und ich bin in sein Zimmer gegangen. Aus meinem alten Zimmer haben wir ein Klavier-Playstation-Zimmer gemacht. Wir verdienen inzwischen genug Geld, dass wir uns den Luxus dieses Wohnzimmers gönnen.

Scenario: Christopher, kein Interesse, dort einzuziehen?
Christopher: Danke, ich bin gut versorgt. Ich lebe mit meiner Freundin zusammen.

Scenario: Auf „Weiße Wand“ äußert Ihr Euch das erste Mal politisch. Was ist der Grund?
Christopher:
Für uns ist das ein mutiger Text. Uns allen war klar, dass der Song politisch betrachtet wird.
Henning: Ich finde, wir hatten auch auf „Alles nix Konkretes“ schon politische Inhalte. Wenn ich in „21, 22, 23“ sage: „Du hältst deine Träume klein und verlierst dich in deinem Alltagskomfort“, dann ist das für mich Gesellschaftskritik. Auch das Lied über meinen Vater ist politisch, wenn ich singe: „Ich habe keine Heimat, ich habe nur dich“.

Scenario: Die Zeilen wie „Flüchtlingskrise fühlt sich an wie Reichstagsbrand“ oder „Jung und weiß in einem reichen Land“ wirken fast selbstanklagend.
Henning:
So ist das auch gemeint. Uns ist der Gedanke, hier so zu leben, wie wir leben, weil uns das nun einmal in die Wiege gelegt wurde, tatsächlich unangenehm. Wir können nichts dafür, dass wir diese Hautfarbe haben oder in diesem Land geboren wurden. Wir haben sehr viele Privilegien, die unverdient sind. Das merke ich immer, wenn ich mit einem Kumpel Fußball spiele, wir gehen nachher noch in eine Bar, und er wird angestarrt, weil er schwarz ist.
Christopher: Weiß, hetero, Mann – das bewahrt einen vor so vielen Anfeindungen, ohne dass man was dafür getan hat. Ich finde es wichtig, das zu nutzen und bei anderen ein Bewusstsein für diese Tatsache zu schaffen. Ich muss auch nicht überlegen, ob ich in der Bahn ein T-Shirt mit Ausschnitt anziehe. Obwohl: Mir ist das auch schon passiert, dass man nach einem Konzert noch tanzen geht und an Stellen angefasst wird, an denen man das nicht will.

Scenario: Besser als auf „Alles nix Konkretes“ scheint es mit den Frauen zu laufen, Henning. Statt Trennungslieder wie „Pocahontas“ gibt es nun gleich einige Glücklich-Verliebt-Songs wie „Nur wegen dir“. Entspricht das Deiner privaten Situation?
Henning
: Weil ich ein besonderes Glück erlebt habe, mich zu verlieben, habe ich mich textlich auch stärker getraut, das zu verarbeiten. Beim ersten Album hatten es mir die Umstände der damaligen Liebesbeziehung sehr schwer gemacht, die wenigen positiven Dinge zu sehen. Dadurch, dass diesmal mein Glück sehr ungetrübt war, hatte ich das Bedürfnis, mir dieses Glück auch selbst zu erklären. Abgesehen davon habe ich ein emotionales Limit, was traurige Songs angeht. Auf der Bühne erschöpft sich das irgendwann. Deshalb habe ich schnell ein paar glückliche Lieder geschrieben, als ich selbst auch glücklich war.

Scenario: Ist „Marie“ das Mädchen, über das wir gerade sprechen?
Henning:
Ja. Der Song entstand in Porto, wo wir zusammen Urlaub gemacht haben. Das war in der Anfangsphase, ich war total verknallt, plötzlich wird Christopher von einem Vogel angekackt. Daher kommt die Zeile „Die Vögel scheißen vom Himmel“.

Scenario: Henning, im Titellied „Schlagschatten“ sprichst Du von der Traurigkeit, die immer im Hinterkopf auf Dich wartet, selbst wenn eigentlich alles schön ist…
Henning:
Ja. Die innere Melancholie ist bei mir ein konstant pochender Schmerz im Hintergrund. Zusammen mit dem kleinen Glück im Hier und Jetzt führt das oft dazu, dass ich krass berührt bin und, wie im Song beschrieben, im Zug plötzlich anfange zu weinen.

Scenario: Und was genau ist Dein „kleines Glück“ im Alltag?
Henning:
Das hat ganz unterschiedliche Formen. Rausgehen, Fußballspielen und Technikübungen zum Beispiel, einfach den Ball hochhalten. Ich esse und trinke auch sehr gerne, besonders Limonaden stehen bei mir ganz oben auf der Liste. Und ich spiele für mein Leben gerne FIFA. Nach Hause kommen, ins Playstationzimmer setzen, drei Stunden FIFA zocken, dazu schwarzen Tee trinken und immer wacher werden – das kommt dem Glück schon wirklich sehr nahe.

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