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Interview mit Bilderbuch: Zurück mit einem Supergefühl

Steffen Rüth 22. Februar 2017 17:04

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    Maurice (l.) und seine Kollegen Peter, Michael und Philipp setzen sich gerne in Szene und sind selbstbewusste Typen. Kein Wunder! Ihr neues Album „Magic Life“ ist ein echter Kracher geworden.

Bilderbuch ist längst viel mehr als bloß eine Popband. 2005 in Kremsmünster gegründet, gilt das Quartett als Kulturgut, wie es seit Falco in Österreich keines mehr gegeben hat. Nach dem Über-Album „Schick Schock“ meldet sich das Quartett mit der sexy, durchdachten und leichtfüßig-anspruchsvollen Platte „Magic Life“ zurück. Wir unterhielten uns mit Sänger Maurice Ernst darüber.

Scenario: Maurice, findest du dich selbst eigentlich sexy?
Maurice Ernst:
Da antworte ich mit „ja“. Wäre das nicht so, dann wäre das eine Plage für mich. Ich kann ja nicht rausgehen und denken „Du bist ein ekelhaftes Scheusal“. Natürlich halte ich meinen Hintern mit Selbstbewusstsein ins Licht. Warum soll eine Beyoncé das machen dürfen, aber ich nicht? Wir erobern uns die Sexiness jetzt zurück. Die Männer im deutschsprachigen Pop sind entweder solche melancholischen Denker oder machen einen auf die harten Partytypen. Wo ist das Kecke? Ein Mensch besteht immer aus zwei Geschlechtern, die Frage ist nur: Was lässt du zu?

Scenario: Du präsentierst dich als Checker mit femininer Seite. Woher hast Du das?
Maurice:
Von den Italienern! Ich liebe den großen italienischen Liedermacher Lucio Battisti, dieses Drama, das Machohafte, die Romantik, das Schmachtende. Oder Adriano Celentano. Die Italiener sind viel charmanter und sensibler als wir. Ich habe schon als Kind sehr viel italienische Musik gehört, ich fühle mich unheimlich wohl dabei.

Scenario: Warst Du oft in Italien?
Maurice:
Als Kind einmal im Jahr. An der Adria kenne ich wahrscheinlich jeden Strand. Und als Band haben wir die Tradition, jährlich in eine italienische Stadt zu fahren. 2016 waren wir drei Tage in Neapel, davor in Rom. Ich stehe auch total auf den Papst, das ist ein Rockstar, der hat sein Showbusiness perfekt im Griff.

Scenario: Bist Du ein guter Flirter?
Maurice (lacht):
Neulich waren wir alle in einem Restaurant, die Kellnerin hatte Probleme, sich unsere Bestellung zu merken. Ich schlug vor, dass ich ihr eine SMS schreibe, mit allem, was wir bestellt hatten. Alle anderen so „Ho, ho, ho“. Anscheinend war das ein Anmachspruch. Ich hatte das gar nicht gemerkt. Ich wollte wirklich nur helfen.

Scenario: „Ich brauch Power für mein Akku/ Baby, leih mir deinen Lader“, eine Zeile aus Eurer neuen Single „Bungalow“ ist hingegen eindeutig.
Maurice:
Das ist ein neuer Modern Classic Love Sager. Der Satz glänzt und groovt so schön, dazu noch dieser afrikanische Sound. Mir gibt das ein Supergefühl.

"Irgendwo zwischen Rihanna und Bierzelt"

Scenario: „Bungalow“ hört sich krass nach Hit an. Ist Euch bewusst, oder?
Maurice:
Schon. Die Orgel, der Beat, der Loop, das ist ein lustiges Lied, irgendwo so zwischen Rihanna und Bierzelt. Das hat Rhythmus, wie die alten Leute sagen. Wahrscheinlich ist das der poppigste Song, den Bilderbuch je gemacht hat. Ich habe ihn der Oma und dem Opa vorgespielt, die sind ein guter Gradmesser, weil Oma keine Referenzen hat und nicht weiß, wer eine Rihanna oder ein Frank Ocean ist. Und sie waren beide aus dem Häuschen.

Scenario: Auf Eurem Album „Schick Schock“ seid ihr in den Texten noch Lamborghini gefahren. Warum reicht es auf „Bungalow“ bloß für einen Skoda?
Maurice:
„Schick Schock“ war noch mehr von der Utopie und dem Traum vom schönen Leben getragen. „Magic Life“ ist melancholischer, nicht mehr so extrovertiert, sondern introvertierter. „I Love Stress“ zum Beispiel fragt „Was macht mich aus? Was ist meine Stärke“? Es dreht sich nicht mehr so viel um Statussymbole, sondern eher um diese Häuslichkeit, die in unserer Generation um sich greift. Der „Bungalow“ steht ja auch fürs Daheimbleiben, für Familie, fürs etwas Gesetztere. Das sind Werte, die ich verstehen kann, auch wenn sie aktuell nicht meinem Leben entsprechen.

Scenario: Was für ein Auto fährst Du selbst?
Maurice:
Gar keins. Von meinem ersten Geld habe ich meiner Mutter eins gekauft, einen Suzuki.

Scenario: „By The Rivers Of Cashflow“ ist eine Phrase aus dem “Bungalow”-Refrain, ein anderes Lied heißt “Investment 7”. Was steckt hinter der intensiven Beschäftigung mit Geld?
Maurice:
Bei „Schick Schock“ war High Life und Kohle eine extrem wichtige Thematik. Weil das damals noch eine Phantasie war, wir hatten einfach noch kein Geld. Es war eine Trotzreaktion gegen die Perspektivlosigkeit. Auf einmal verdienst du dann Geld, aber das ist nicht geil oder super, sondern viel normaler und nüchterner, fast trostlos.

Scenario: Ihr spielt mit dem Größenwahn und gleichzeitig lacht Ihr darüber, oder?
Maurice:
Unbedingt. Wir nehmen uns schon sehr ernst und wollen etwas erreichen mit dem, was wir machen. Aber wir paaren das mit Selbst-darüber-lachen und einer extremen Entspanntheit und Lässigkeit. Am Schluss sind es doch nur Songs. Auch wenn sie besser sind, als die meisten anderen, die in Deutschland oder Österreich rauskommen (lacht).

Scenario: Kann man sagen, dass Ihr den österreichischen Pop wiederbelebt habt?
Maurice:
In den 25 Jahren nach Falco hat es keine Popmusik aus Österreich mehr gegeben, die eine Perspektive gehabt hat – abgesehen von solchen Konstrukten wie Christina Stürmer. Uns macht stark, dass die kulturelle Grenze zu Deutschland eingestürzt ist. Wir haben der Nostalgie des Austropop endlich etwas entgegengesetzt, das gibt Selbstvertrauen. Das Minderwertigkeitsgefühl der Österreicher ist weg, die jungen Leute haben diese Schranke nicht mehr im Kopf. Ob wir in Berlin oder in Wien vor 3000 Leuten spielen, ist doch eh egal.

Scenario: In Deutschland wirft man Euch gern in einen Topf mit Wanda. Nervt das?
Maurice:
Nein, denn die Schere zwischen gutem Pop und kommerziellem Skihüttenpop geht wieder weiter auseinander. Seiler und Speer hat Wanda in eine Richtung mitgezerrt, die ich extrem uncharmant finde. Für so eine junge Band haben die ein grausiges Image und jetzt schon dieselben Fans wie die Toten Hosen.

Scenario: „Schick Schock“ war für viele das perfekte Album. Wie schwierig ist es gewesen, mit „Magic Life“ noch einen draufzusetzen?
Maurice:
So haben wir uns das nicht überlegt. Es ging uns eher darum, uns selbst zufrieden zu stellen. Wenn uns das gelingt, ist uns alles andere wurscht. Schwierig wäre es nur geworden, wenn wir angefangen hätten zu zweifeln.

"Vor dem Erfolg muss man sich nicht fürchten"

Scenario: Habt Ihr aber nicht?
Maurice:
Nein. Wir glauben an das, was wir tun. Wir sind keine Tiefstapler, die scheitern als große Qualität ansehen. Wenn einem etwas gelingt, dann ist das etwas Herrliches. Vor dem Erfolg muss man sich nicht fürchten.

Scenario: "Magic Life" ist auch der Name einer österreichischen Ferienclub-Kette. Stand der Titel früh fest?
Maurice:
Nicht von Anfang an. 2016 war ja das schlimmste Jahr überhaupt, und dann sitzt du da als junge Band, die zum ersten Mal eine größere Zuhörerschaft hat, und überlegst, wie gehst du damit um. Entweder irgendwie punkig und hiphoppig, oder auf eine phantasievolle Art, was unser Weg ist. „Magic Life“ war genau das Puzzlestück, das wir suchten, das Eskapismus, Hedonismus und Weltschmerz auf Art von Bilderbuch vereint.

Scenario: Warst Du schon einmal in einem „Magic Life“-Club?
Maurice:
Als Kind, so mit 4 oder 5. Das Geborgenheitsgefühl dort ist schon fein. Alles ist wie gemacht für dich. Du kriegst alles und kannst so lange da drin hocken bleiben, wie du bezahlst. Und irgendwann geht man dann wieder. Ich habe das positiv in Erinnerung, aber als Erwachsener würde mich so ein Urlaub jetzt nicht so reizen.

Scenario: Bei allem Feieralarm wie in Stücken wie „Superfunkypartytime“ gibt es auch Nachdenkliches auf „Magic Life“, etwa die Zeile „Christus und Mohammed spendieren Free Drinks“ in „Babylon“. Die Politik bleibt also selbst im „Magic Life“ nicht draußen?
Maurice:
Wir wollten schon etwas sagen zur Politik, was Mutiges, Hippiemäßiges. Ich kann mich natürlich auch hinstellen und über die AfD schimpfen und über die FPÖ, logo, vielleicht muss man das auch. Aber wir sind Künstler, wir machen Musik. Wenn wir das Maul aufreißen, dann will ich das in unsere Sprache einfließen lassen. „Babylon“ hat etwas Kokettes, das Lied ist sehr positiv, nicht zu konkret und zeitlos gültig.

Scenario: Kann es sein, dass die Gitarre etwas mehr im Zentrum von „Magic Life“ steht als die Elektronik?
Maurice:
Ja. Für mich sind die Gitarren sogar die eigentlichen Stars des Albums. Natürlich findet „Magic Life“ in einer digitalen Welt statt, aber gerade so ein Song wie „Sweetlove“ ist der Archetyp der Gitarrenballade. Wir haben dabei an die Dire Straits und an Prince gedacht.

Scenario: „Sweetlove“ klingt sehr nah dran an „Purple Rain“, „I Love Stress“ ist eine Hommage an „Let’s Go Crazy“, richtig?
Maurice:
Total. Wir wissen relativ viel über Musik und merken so etwas immer schnell. Normalerweise planen wir den Song dann um. Aber wir finden, in diesem Jahr dürfen wir das machen. Prince hat es verdient, dass wir kurz so klingen wie er. Wir hatten uns mit 30 Freunden ein Kino gemietet, wollten „Purple Rain“ anschauen. Zwei Stunden vorher sitzen wir beim Chinesen, auf einmal sagt jemand „Prince ist tot“. Keiner hat mehr gegessen, aber alle haben den Film geschaut. Ein krasser Gänsehautmoment.

Scenario: David Bowie, Prince, George Michael, alle tot. Stellst Du Dir die Frage, was das für Dich bedeutet?
Maurice:
Natürlich. Eine glanzvolle Generation tritt ab. Es gibt ein Vakuum, neue Leute müssen kommen. So ein Generationswechsel motiviert einen auch, bei aller Trauer macht mich das trotzig.

Scenario: Du wurdest von einem Magazin zu „Österreichs bestgekleidetem Mann“ gewählt. Eine Ehre?
Maurice:
Ja, das war lustig. Vor unserem Außenminister Sebastian Kurz, vor David Alaba. Ich bin lachend durch die Wohnung gesprungen, als ich das hörte.

Scenario: Wie würdest Du deinen Klamottenstil bezeichnen?
Maurice
: Bei mir muss es classy und gleichzeitig flashy sein. Ich fühle mich unwohl, wenn ich mich schlecht anziehe. Ein bisschen fancy will ich schon rumlaufen. Oft habe ich die Blusen und Pullis von meiner Oma und von meinem Opa an. Ich habe das schon immer geliebt. Wenn man Familie hat, sollte man erstmal den Dachboden durchstöbern, bevor man zum Second-Hand-Laden geht.
Bilderbuch kommen auf Tour und für einen Termin auch nach Nordrhein-Westfalen.
28. März 2017, 20 Uhr
Palladium, Köln
Karten gibt es für 36,45 Euro im RZ- und SZ-Ticketcenter oder unter der Ticket-Hotline: 0209 / 14 77 999.

 

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