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Interview mit Claire: „Wir sind da so reingestolpert“

Olaf Neumann 13. April 2017 14:41

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    Claire stehen zum Fototermin brav in Reih und Glied. Die bayrische Band macht sphärische Synthie-Pop-Songs mit Tiefgang.

Synthie-Pop Die junge Band Claire aus München macht sphärische Synthie-Popsongs, die intensiv und lange nachwirken. Sie gilt als eine der aufregendsten neuen Formationen aus Deutschland. Auch im Ausland. Scenario sprach mit der deutsch-neuseeländischen Sängerin Josie-Claire Bürkle und dem Gitarristen Florian Kiermaier über ihr aktuelles Album „Tides“, Auftritte in Amerika und eine traumatische Erfahrung.

Scenario: Wir haben gelesen, dass das Schreiben Eures ersten Albums mit extremen Selbstzweifeln verbunden war. Wie lief es diesmal?
Florian Kiermaier:
Beim ersten Album haben wir noch ziemlich blind drauflos gemacht. Mit dem Nachfolger wollten wir das Debüt toppen. Dann zweifelt man natürlich, es lag ja auch eine lange Zeit dazwischen. Unser Musikgeschmack und die Gruppe in sich haben sich verändert. Nach vier Jahren stellten wir Überlegungen an wie „Was sind wir jetzt?“ Davon hatte nicht jeder eine klare Vorstellung, aber eine klare Meinung, was er nicht will. Das zweite Album war auf jeden schwieriger als das erste.
Josie-Claire Bürkle: Es war eher dieser Druck, den wir uns selber gemacht hatten, der vielleicht nicht in Selbstzweifel resultierte, uns manchmal aber gehemmt hat. Man denkt immer, man müsse irgendwelchen Erwartungen gerecht werden, dabei sind es meist nur die Erwartungen, die man an sich selbst hat. Wenn man sich davon lösen kann, macht die Studioarbeit viel mehr Spaß.

Scenario: Man steht als Konsument heute nicht mehr vor der Wahl, ob man die überteuerte Single oder gleich das ganze Album kaufen soll. Warum macht Ihr da überhaupt Alben?
Florian:
Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen nur einzelnen Songs oder einem Album als ganzes Werk. Weil man bei Letzterem die Chance hat, Songs zu machen, die in einem Kontext stehen müssen und nicht für sich alleine. Aber der Schaffungsprozess ist viel lockerer, wenn man ins Studio geht und nur ein oder zwei Songs macht. Auf der anderen Seite ist es schon auch geil, zu wissen, dass man zehn Songs Zeit hat, etwas zu sagen. Mir gelingt es eigentlich nur nicht mit Vinyl-Schallplatten, sie durchzuhören, weil ich zu faul bin, sie umzudrehen.

Scenario: Wie habt Ihr die Vision von Eurem aktuellen Album entwickelt?
Josie-Claire:
Wir sind älter geworden, das hat die Texte und Themen beeinflusst. Beim ersten Album waren wir stürmisch und laut, diesmal klingen wir nachdenklicher und melancholischer. Wir haben nicht mehr so viel am Laptop produziert, sondern mit analogen Synthesizern gearbeitet.

"Wir sind jetzt viel sicherer"

Scenario: Welchen Ansatz habt Ihr dabei gewählt?
Florian
: Einen ganz spezifischen. Die Tatsache, dass man technisch alle Möglichkeiten hat, ist eigentlich das größte Hindernis, weil die Entscheidungen so viel schwieriger werden. Indem man sich auf einige spezielle Sachen konzentriert, macht man es sich sehr viel einfacher.
Josie-Claire: Wir haben beim Schreiben und Produzieren verschiedene Ansätze probiert, wie wir ans Songwriting und Produzieren rangegangen sind. Und dann geschaut, ob einer davon mit uns klickt. Und es war das erste Mal, dass wir mit anderen Leuten zusammengearbeitet haben. Beim Debütalbum gab es noch die Angst, verfälscht zu werden, weil wir als Team noch nicht so eingespielt waren wie heute. Wir sind jetzt viel sicherer und wissen besser, was der andere mag.

Scenario: Ihr habt schon sehr früh auf dem renommierten SXSW-Festival im texanischen Austin und dem CMJ-Festival in New York gespielt. Wie schafft man es dorthin, wenn man ein unbeschriebenes Blatt aus Deutschland ist?
Josie-Claire:
Es gibt eine deutsche Förderung, die Bands nach Texas schickt. Man spielt dort im German House. Wir waren damals dort mit The Mighty Oaks und Roosevelt.
Florian: Es waren extrem stressige Konzerte, weil du dort keine Zeit hast, irgendwas aufzubauen. Normalerweise haben wir ganz viel Zeug auf der Bühne. Wir haben uns dann Instrumente ausgeliehen und versucht, ein Set hinzukriegen. Dabei ist uns ein Synthi kaputtgegangen. Unser Schlagzeuger Fridolin war zu dem Zeitpunkt noch nicht 21 und musste dann immer ins Hotel gehen, wenn wir in eine Bar wollten. Und dann hat er auch noch seinen Reisepass im Flieger verloren. Wir haben ihn zum Glück wiedergekriegt, einen Tag vor unserem Rückflug. Sonst wäre ich mit ihm mit dem Bus nach Houston ins Deutsche Konsulat gefahren.

Scenario: War Eure Karriere von Anfang an geplant oder wart Ihr offen für Risiken und Umwege?
Josie-Claire:
Wir sind in vieles nur so reingestolpert, es ging alles Schlag auf Schlag. Wir kamen gar nicht so richtig hinterher. Im Nachhinein sind wir am Staunen, was wir schon so alles erleben durften und gemacht haben.

Scenario: Vor zweieinhalb Jahren wurde Euch in London, wo Ihr eigentlich ein Konzert spielen solltet, Euer Bandbus mit der kompletten Ausrüstung gestohlen.
Florian:
Genau: Unser Bus mit sämtlichen Instrumenten, Verstärkern und allem, was dazugehört. Damit hatte man uns auch diese stetige Steigerung geklaut. Es war ein nicht zu ignorierender Einschnitt. Danach konnten wir lange keine Auftritte mehr spielen. Wir haben uns dann ein neues Studio gebaut. Außerdem waren da auch Sachen dabei, die unbezahlbar sind, wie alte Verstärker und Gitarren. Wenn du solch ein Instrument fünf Jahre spielst, musst du nicht mehr hinschauen. Bei einer neuen Gitarre brauchst du fünf Jahre, bis du wieder dieses Gefühl hast.

Scenario: Wie sehr hat Euch das als Band zurückgeworfen?
Josie-Claire:
Damals wurde uns die ganze Existenz geraubt. Aber viele Menschen schrieben uns, wir sollten nicht aufgeben. Das hat uns geholfen, neue Energie zu bekommen. Letztendlich haben wir es auch gemeistert. Aber dieses Ereignis hat noch bis in diese Albumproduktion hinein ihre Spuren hinterlassen. Weil man sich bewusst wird, wie schnell es wieder vorbei sein kann, dass man seinen Traum lebt. Das hört sich vielleicht kitschig an, aber es war wirklich so.

 
Claire sind auf „Tides“-Tour, auch in NRW:
28. April, 19.30 Uhr
Luxor, Köln
Karten gibt es für 21,75 Euro im RZ- und SZ-Ticketcenter oder unter der Ticket-Hotline 0209 / 14 77 999.

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