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Interview mit Clueso: "Ich mag unsichere Momente"

Olaf Neumann 22. Dezember 2016 14:03

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    Der Neuanfang für Clueso ist wohl geglückt. In diesem Monat hat er sich gegen seine Konkurrenten durchgesetzt und eine 1Live-Krone als bester Künstler bekommen.

Pop „Neuanfang“ lautet der programmatische Titel des siebten Albums von Clueso. Der Erfurter, bürgerlich Thomas Hübner, der schon mit Grönemeyer und Lindenberg tourte, hat neue Songs mit Ecken und Kanten vorgelegt. Thema sind auch seine Ängste und Zweifel. Auslöser: Clueso, der zuvor seine Alben und Tourneen selbst produzierte, zeitweise eigenfinanziert mit einer 70-köpfigen, meist aus Freunden bestehenden Crew, hat sich von seiner Band und seinem Manager getrennt. Und der 36-Jährige, der einst mit Hip-Hop begann, verließ den „Zughafen“, das von ihm mitgegründete Studio und Künstler-Netzwerk mit WG-Anschluss in seiner Heimatstadt Erfurt. „Jeder lebt für sich allein“ heißt denn auch ein neuer Song, „Sorgenfrei“ ein weiterer. Vor Kurzem ist der Sänger mit dem Radiopreis "1 Live Krone" als bester Küntler ausgezeichnet worden. Scenario quetschte Clueso aus.

Scenario: Clueso, Du hast Dich voriges Jahr von Deiner Band getrennt, um Dich anderen Projekten zu widmen. Warst Du mit Deiner Musik zuletzt nicht mehr glücklich?
Clueso: Das kann ich nicht sagen. Wir waren eine großartige Band mit vielen tollen Bühnenmomenten. Es war eher so, dass große Fragezeichen im Raum standen und ich mich von vielen Sachen getrennt habe, weil ich einfach Lust auf etwas anderes hatte. Ich stellte mir die essentielle Frage, wie ich mich aus einer Fremdbestimmung lösen kann, ohne zu brechen. Ich wollte beweglicher und weniger Unternehmer sein, ich wollte auch mal wie ein Maler einen Monat lang auf einem Stuhl sitzen und die weiße Leinwand anstarren.
 
Scenario: Als frei schaffender Künstler weiß man oft nicht, woher man im nächsten Monat das Geld für die Miete bekommen soll. Woher kriegst Du  die Zuversicht, die Du in diesem Job brauchst?
Clueso: Mir geht es besser, wenn ich nicht die Verantwortung für andere habe. Es gibt Leute, die darin aufgehen, ein Unternehmen zu leiten. Ich aber weniger, ich bin lieber Musiker und ein bisschen freier.
 
Scenario: Was ist Dir wichtig in Deinem Business?
Clueso: Ich habe schon Lust, in den Zeitstrahl der Geschichte hineinzubeißen und etwas eigenes zu hinterlassen, in dem die Menschen sich wiedererkennen können. Mit Leuten wie Udo Lindenberg und Wolfgang Niedecken war ich da schon sehr nahe dran. Aber ich würde dafür nicht alles andere beiseite schieben.
 
Scenario: Gibt es im knallharten Musikgeschäft echte Freundschaften?
Clueso: Das weiß man wahrscheinlich immer erst, wenn es hart auf hart kommt. Mit Udo Lindenberg zum Beispiel gab es bisher keine Situation, in der ich ihn wirklich gebraucht habe und er auch da war, unsere Beziehung ist eher musikalischer Natur. Aber selbst dann beweist sich eine Freundschaft. Ich kann Udo jederzeit anrufen und er würde mich sofort einladen. Mit ihm im Hyatt im Pool zu sitzen und wirklich mal über private Dinge und das Leben zu talken, war ein schöner Moment. Udo steht drauf, in Freundschaften ein bisschen Künstlermagie drin zu lassen. Er lebt das so. Wolfgang Niedecken ist da anders, er schreibt einem auch aus dem Urlaub.
 
Scenario: Welchen Rat holst Du Dir von älteren Kollegen wie Lindenberg oder Niedecken?
Clueso: Gerade mit einer Band erlebt man viele euphorische Situationen, das schweißt zusammen. Sich davon lösen zu wollen, ist also schon krass. Da habe ich natürlich um Rat gefragt. Wolfgang Niedeckens Rat lautete, man solle sich immer fragen, wofür man angetreten ist und wofür man heute noch steht. Wenn man darauf eine Antwort hat, wisse man eigentlich schon, was zu tun ist. "Du bist du", sagte er. "Das kann dir keiner übel nehmen".
 
Scenario: Hast Du auch beim Musikmachen selbst etwas verändert?
Clueso: Vor allen Dingen habe ich bestimmte Dinge abgegeben, auch auf die Gefahr hin, dass es eher der Fingerabdruck des Produzenten sein wird als mein eigener. Im Studio gab es eigentlich nur den Produzenten Tobias Kuhn, den Drummer Tim Neuhaus und mich. Tobi sagte mir bereits bei der ersten Begegnung: "Ich will dein bestes Album machen" und fragte mich im Studio immer: "Gefällt es dir? Ja. Dann lass es weg!" Wir haben nach einer Nische gesucht, aber wir wollten keine neuen Rezepte erfinden.
 
Scenario: Was erwartest Du von Deinen Mitmusikern?
Clueso: Dass ich die Nummer eins bin und sie wahnsinnig Bock auf mich haben. Das spreche ich auch aus. Manchmal geht es um das große Ganze und nicht um die einzelne Person, und ich erwarte, dass man das versteht. Manchmal brauche ich einen Musiker als Dienstleister und manchmal als Ausprobierer. Genauso höre ich mir auch die Erwartungen der anderen an.

"Ich wusste nicht genau, was mich störte"

Scenario: Welche klangliche Vision hattest Du von dem Album?
Clueso: Beim Einspielen der Songs fiel mir auf, wie schwierig es ist, so schmutzig zu klingen wie Tobi. Das gilt auch für mich: Ich kann sehr schlampig spielen, aber auch sehr genagelt. Manche Songs durfte ich gar nicht mehrmals singen, eigentlich konnte ich sie noch gar nicht, sie sind einfach passiert. Tobi fand es immer am besten, wenn es so hingerotzt war wie bei Rio Reiser. Dabei ist eine eigene Stimmfarbe herausgekommen. Ich habe dann viele Top-Mixer ausprobiert, was sehr viel Geld gekostet hat. Die haben wahnsinnig gut gearbeitet, aber ich hatte trotzdem immer etwas zu meckern. Ich wusste nur nicht genau, was mich störte. Michael Ilbert hatte schließlich den besten Sound. Es ging ihm und uns um eine Umschiffung der großen Stadionarchitektur, damit meine ich, schmutzig zu sein und trotzdem gut zu klingen.
 
Scenario: Du erzählst Geschichten, die erfunden, aber keine Lügen sind. Was bedeutet das?
Clueso: Ich erzähle erdachte Geschichten, aber darin fließt auch Autobiografisches mit ein. Manche Figuren entwickeln eine Eigendynamik. Damit sie funktionieren und auch bei mir eine Emotion erzeugen, muss ich sie manchmal von mir wegbewegen lassen, obwohl ich ihnen alles von mir mitgebe. Somit sind sie erfunden, aber gleichzeitig auch keine Lüge.

Scenario: Du hast ein Lied über den Affen Gordo gemacht, der 1958 als erster Primat ins All flog. Was interessiert Dich an diesem Thema?
Clueso: Mein zwei Jahre älterer Bruder und ich mochten zu DDR-Zeiten das Buch "Weltall Erde Mensch". Darin gab es Aufklappbilder vom Kosmos mit Juri Gagarin, Sputnik, Wostok und den Tieren, die ins All geschickt wurden. Ein Affe, der eigentlich zurückkommen sollte, hieß Gordo. Er überlebte allerdings nicht, weil es Probleme mit dem Fallschirm gab und seine Kapsel im Meer versank. In dem Strudel voller Fragezeichen, in dem ich mich letztes Jahr befand, fühlte ich mich manchmal wie dieser kleine Affe in der Rakete. Ich wollte einfach nur runterkommen. Es war nicht die große Depression, aber es gab und gibt Momente, in denen man sich auf der Bühne fragt: "Ist das jetzt mein Beruf, hier oben zu stehen?"
 
Scenario: Muss man sich als Künstler immer wieder selbst hinterfragen?
Clueso: Ich mag unsichere Momente, solange man sich nicht verfängt. Dafür muss man sich halt irgendwo treu bleiben. Deswegen wahrscheinlich dieser Neuanfang.

"Ich habe gerade eine gute Energie"

Scenario: Bist Du jetzt sorgenfrei?
Clueso: Nein, ich bin auch nicht angstfrei. Aber ich habe gerade eine gute Energie.
 
Scenario: Ein Lied auf dem Album heißt „Erinnerungen“. Wie schaffst Du es, nichts Wichtiges zu vergessen?
Clueso: Mir ist nicht die Abfolge der Erinnerungen wichtig, sondern deren emotionale Eckpunkte. Erinnerungen sind dazu da, mich ins Jetzt zu holen. Das lässt sich auf die Musik übertragen. Man muss nicht alles spielen, was auf dem Papier steht, aber es gibt Stellen, die mir wichtig sind.
 
Themenwechsel: Du warst mit der Initiative Viva Con Agua in Äthiopien. Was hast Du dort gemacht?
Clueso: Ich habe mir vor Ort das angeguckt, was ich seit neun Jahren unterstütze. In Äthiopien war ich mit Aktivisten von Viva Con Agua in krassen Gegenden und wir haben in Dörfern auf dem Boden geschlafen. Das ist logischerweise anstrengend. Hauptsächlich gehe ich aber auf die Bühne und rufe dazu auf, für Viva Con Agua zu spenden oder ich mache Spontankonzerte. Ich möchte lieber für als gegen etwas sein. Wenn man bekannt ist, bekommt man viele Charityanfragen. Wenn ich mich für etwas engagiere, muss das auch etwas mit mir zu tun haben. Es macht mich ein bisschen stolz, zu sehen, wie sich die Lebensqualität in einem äthiopischen Dorf verbessert hat, auch wenn es nur ein Tropfen auf einem heißen Stein ist.
 

 
 
 

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