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Interview mit Danielle Brooks: Die Wahrheit hinter Gittern

André Wesche 18. Juli 2018 17:02

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    Die inhaftierte Taystee (Danielle Brooks) setzt sich oft für andere ein. In der neuen Staffel von „Orange Is the New Black“ muss sie lernen, für sich zu kämpfen. Ob ihr das gelingt? Die Antwort gibt’s ab dem 27. Juli auf Netflix.

Die Netflix-Serie „Orange Is the New Black“ wirft einen im Wortsinn ungeschminkten, mal tragischen und mal augenzwinkernden, Blick auf den Alltag in einem US-amerikanischen Frauengefängnis. Nun wartet die riesige Fangemeinde ungeduldig auf die Fortsetzung der Geschichte – und endlich: Staffel 6 wird ab dem 27. Juli verfügbar sein. Wir sprachen mit Schauspielerin Danielle Brooks (28), die in der Kultserie Tasha „Taystee“ Jefferson verkörpert, über die neue Staffel und die gesellschaftliche Relevanz der Show.

Scenario: Danielle, wie war es beim Christopher Street Day in Köln, den Du mit Deiner Anwesenheit beehrt hast?
Danielle:
Oh, es hat großen Spaß gemacht. Es ist verrückt, sich umzuschauen und diese Tausenden von Menschen beim Feiern zu beobachten. Ich war schon bei so vielen Prides, in Australien, Brasilien, New York. Aber diesmal durften wir sogar zu den Menschen sprechen. Das war ein besonderes Erlebnis.

Scenario: Was hat Dich beim Lesen der Drehbücher zu Staffel 6 bewegt?
Danielle:
Ich war sehr nervös, wie es nach dem dramatischen Ende der fünften Staffel für Taystee ausgehen würde. Ich habe um ihr Leben gefürchtet. Mich haben einige der Menschen enttäuscht, die Taystee als ihre Familie ansieht. Jetzt erzählt jede Seite eine eigene Geschichte, jeder hat seine eigene Version von der Wahrheit. Die Leute folgen ihrer eigenen Agenda, obwohl man ihnen genug Herz zugetraut hatte, um die Wahrheit zu sagen.

Wir sehen in dieser Staffel, wie die Wahrheit persönlichen Begierden geopfert wird. Taystee befindet sich in einem immerwährenden Kampf. Sie setzt sich für ihre Mithäftlinge ein und scheitert. Sie kämpft für eine Reform der Haftanstalten und der Justiz. Auch das bringt nichts.
Nun steht sie vor der Frage, wie sie für sich selbst kämpfen kann. Wie kann jemand weiter nach vorne schauen und nicht aufgeben, wenn es nichts mehr zu geben scheint, für das sich der Kampf lohnt?

Die Menschen zeigen ihr wahres Gesicht

Scenario: In Staffel 5 ging es noch darum, sich zusammenzuschließen…
Danielle:
Ja. Man wollte sich verbünden und eine Schwesternschaft formen. Die Frauen kamen zusammen, um sich für die gemeinsamen Interessen einzusetzen. Sie hatten das Gefühl, ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Aber dann zeigen die Menschen doch wieder ihr wahres Gesicht. Das ist zutiefst menschlich. Wir sind so. Und das nervt.

Scenario: Hast Du mittlerweile genug Einfluss, um den Autoren Vorschläge zu machen, was Deine Figur betrifft?
Danielle:
Nein. Manchmal möchte ich sagen: „Taystee, was machst du da nur? Warum tust du das? Das ist keine gute Entscheidung, es gibt bessere Wege, um dieses Problem zu lösen.“ Aber das geht nicht. Ihre Sprache ist vor allem am Anfang ziemlich derb. Sie sagt, was immer ihr in den Sinn kommt. Sie unterscheidet sich sehr von mir selbst. Manchmal möchte man als die Person einschreiten, die den Charakter spielt, und sagen: „Geh nach links, nicht nach rechts!“

Diese Figuren sind Kriminelle. So werden sie gesehen. Die meiste Zeit über werden sie als Bösewichte abgestempelt. Deine Aufgabe als Schauspielerin ist es, die Humanität in ihnen aufzuspüren und herauszufinden, warum sie so handeln, wie sie handeln. Mir gefällt das sehr viel besser als die Verkörperung eines perfekten Charakters.

Die Autoren sind höllisch schlau. Wir können mittlerweile nachvollziehen, warum eine Figur so ist, wie sie ist. Die eine ist psychisch krank, die andere musste ums Überleben kämpfen oder das Essen für ihr Kind auftreiben. Alles, was Taystee immer wollte, war eine Familie. Es gibt so viele verschiedene Gründe, die die einzelnen Charaktere dorthin geführt haben, wo sie heute sind. Eines der Hauptanliegen der Show ist es, den Menschen zu zeigen, dass alle an dasselbe glauben. Wir gleichen uns mehr, als dass wir uns unterscheiden. Die Gesellschaft, in der ich lebe, hat da andere Ansichten.

Scenario: Wie meinst Du den letzten Satz genau?
Danielle:
Es ist eine Gesellschaft, in der man uns ohne Unterlass vorführen will, wie unterschiedlich wir sind. Es erlaubt den Leuten an der Macht, die Welt nach ihren Vorstellungen zu strukturieren. Das Schöne an unserer Serie ist, dass die Menschen dieses Mädchen aus der Bronx kennenlernen. Sie mögen so eine Person nicht persönlich kennen, aber hier ist sie. Man sieht sie und blickt in einen Spiegel. Sie ist immer noch eine Mutter, eine Tochter, eine Frau, die dir sehr ähnlich ist.

Scenario: Hast Du in Vorbereitung Deiner Rolle mit echten Gefangenen gesprochen?
Danielle:
Ich habe Familienmitglieder und Freunde, die in Haft sitzen oder schon einmal inhaftiert waren. Diese Welt hat mich neugierig gemacht. Wir wissen ja nicht wirklich viel über sie, der Blick ins Innere bleibt uns verborgen. Ich habe mir Dokus oder Serien über das Gefängnis angeschaut. Als ich die Rolle bekam, war ich hin- und hergerissen.

Auf der einen Seite wollte ich sie unbedingt. Auf der anderen war ich nervös. Ich befürchtete, eine stereotype Frau im Gefängnis spielen zu müssen, eine unverschämte und laute Ghettobraut. Als ich mich näher mit der Figur befasst habe, merkte ich schnell, wie intelligent sie ist. Sie hat Bücherwissen, ist aber auch smart. Und sie hat ein großes Herz. Taystee ist eine Art Kompass der Serie, sie zeigt die Richtung an, auf die sich die Augen besonders fokussieren sollten.

Mit Inhaftierten in New York gesprochen

Ich habe ein Gefängnis besucht, als ich schon in der Show war. Eine der härtesten Haftanstalten von New York. Ich habe da mit einigen Frauen gesprochen. Eine hat mir erzählt, dass sie „Orange Is the New Black“ angeschaut hat, bevor sie inhaftiert wurde. Ihr Sohn hatte ihr die Sendung empfohlen Vielleicht könnte sie sich ja einige Tipps abschauen. Sie meinte, sie habe sich in der Serie wiedererkannt. Sie schätzte die Ehrlichkeit und Wahrheit der Geschichte. Diese Aspekte waren ihr wichtig. Und das sind sie ja auch. Natürlich ist unsere Serie Fiktion, aber es steckt auch eine Menge Wahrheit darin.
„Orange Is the New Black“ läuft auf Netflix.

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