Hertener Allgemeine Medienhaus Bauer

Interview mit Kettcar: „Ungemütlich klingt gut“

Steffen Rüth 26. Oktober 2017 11:37

  • Teaserbild

    Hinter Glas, aber dennoch deutlich zu sehen: Kettcar. Auf ihrem neuen Album „Ich vs. Wir“ lässt die Band rund um Marcus Wiebusch (3.v.l.) auch politisch eindeutige Töne von sich hören.

Auch wenn der eine oder andere mit dem nicht unpathetischen Gutes-Gewissen-Rock von Kettcar seine Problemchen hat: Gut, dass es die Band und ihren Hauptsongschreiber Marcus Wiebusch gibt. Mehr Haltung, Energie und Empörung wird man in kommerzieller, deutschsprachiger Musik dieser Tage kaum finden als in „Ich vs. Wir“, dem fünften Album der Rockband aus Hamburg. Wir sprachen mit Marcus Wiebusch.

Scenario: Marcus, Dein Lied „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“, das von einem Hamburger Studenten handelt, der DDR-Bürgern an der österreichisch-ungarischen Grenze zur Flucht verhalf, wird in den Medien hochgelobt. Vom „wichtigsten Song“ und dem „wichtigsten Video“ des Jahres war die Rede, die Schriftstellerin Juli Zeh urteilt: „Ein Song wie gute Literatur“. Wie wichtig ist es Dir, für wichtig erklärt zu werden?
Marcus Wiebusch:
Als Künstler lebe ich natürlich von Zuspruch und Lob. Ich freue mich, wenn ich einen Song mache, der in seiner Art scheinbar alleine steht im Musikdeutschland des Jahres 2017 – und das dann auch von der Öffentlichkeit so wahrgenommen wird. Wir hatten uns mit dem neuen Album vorgenommen, Themen zu finden, die wirklich etwas mit den Menschen zu tun haben. Ich denke, das ist uns gelungen.

Scenario: Ist „Ich vs. Wir“ das politischste Kettcar-Album bislang?
Marcus:
Auf jeden Fall. Politische Themen ziehen sich durch das ganze Album. Als wir uns nach der fünfjährigen Albumpause hingesetzt und besprochen haben, ob und wie wir als Kettcar weitermachen, stand für uns schnell fest, dass wir ein Album machen wollen, das sich den Themen der Zeit ohne Eskapismus (Anm. d. Red: Realitätsflucht) stellt.

Verbale Steine an den Kopf geschleudert

Scenario: Warum dominiert in Pop und Rock der Eskapismus so sehr?
Marcus:
Weil viele Fragen sehr komplex sind. Wenn du einmal ausrutschst, dann kriegst du sofort auf die Fresse. Ist uns auch schon passiert. Was haben mir die Leute verbale Steine an den Kopf geschleudert, als ich auf meinem Soloalbum „Der Tag wird kommen“ ein Lied über einen schwulen Profifußballer geschrieben habe. Selbst von Seiten, von denen ich das nie erwartet hätte, kam Häme. Plötzlich musste ich lesen, ich sei ein humorloser Moralapostel, der neue Peter Maffay. Und dann denkt man „Kein Wunder, dass keine gesellschaftlich relevanten Songs mehr geschrieben werden“.

Scenario: „Ich vs. Wir“ ist nicht nur inhaltlich, sondern auch von der Musik eher ungemütlich. Es gibt kaum einen ruhigen Song.
Marcus:
Ja, ungemütlich klingt gut. Unser Produzent Philipp Steinke meinte auch „Ist ja ein einziges Geballer“. Wir haben dann mit „Das Gegenteil der Angst“ und „Trostbrücke Süd“ noch zwei ruhigere Nummern gemacht, trotzdem: Die Platte ist laut und energetisch.

Scenario: Im ersten Stück „Ankunftshalle“ malst Du ein schönes Bild. Um menschliche Zuwendung zu erleben, fahren zwei Leute zum Flughafen und setzen sich in den Ankunftsbereich. Was ist die Idee dahinter?
Marcus:
Die Annahme ist, dass viele aufgrund der demokratisch legitimierten Vollidiotenentscheidungen der letzten Zeit ein bisschen den Glauben an die Menschheit verloren haben. Um noch so etwas wie Liebe oder Menschlichkeit zu erleben, muss man also zum Flughafen fahren, weil man das sonst nirgends mehr findet.

Scenario: Woran verzweifelst Du besonders?
Marcus:
Trump, Erdogan, Brexit, AfD. Es wird immer schlimmer. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen und wo ich aufhören soll.

Scenario: Im Song „Den Revolver entsichern“ sprichst Du darüber, wie Du die sogenannten „Gutmenschen“ früher verachtet hast, sie heute aber durchaus schätzt. Was macht für Dich einen guten Menschen aus?
Marcus:
Empathie ohne Mitleid. Dass man Menschen hilft. Dass Solidarität ein Wert ist. Dass wir nicht nur egoistisch an uns denken. Dass wir den Neoliberalismus und seine Zumutungen nicht ertragen müssen. Dass wir eine Gesellschaft schaffen, die für alle lebenswert ist.

Mit wem will man noch zu tun haben?

Scenario: In „Wagenburg“ lässt Ihr das „Ich“ auf das „Wir“ prallen. Kann man das eine dem anderen vorziehen?
Marcus:
Nein. Ein „Wir“ kann zusammen den rechten Arm heben, es kann aber auch gemeinsam und glücklich bei einem Konzert abfeiern. Ein „Wir“ kann der Sturm auf die Bastille sein, ein „Ich“ kann eine sehr starke eigene Meinung haben. Diese Egoschweine, die brüllen: „Wir sind das Volk“, die meinen in Wirklichkeit nur „Ich bin das Volk“. Für einen links denkenden Menschen ist es schwer zu entscheiden, mit wem man eigentlich noch was zu tun haben will, um so etwas wie eine gemeinsame Gesellschaft aufzubauen und diese ganze AfD-Populismus-Scheiße zurückzudrängen.

Scenario: Ist Wut ein Faktor auf diesem Album?
Kettcar:
Ich habe versucht, ein politisch-menschliches Album zu schreiben und eben nicht in diese rasende Wut zu verfallen wie auf unseren ersten Platten, die mehr noch aus Zorn entstanden sind. Ich bin nicht mehr so ein wütender Mensch wie damals.

Scenario: Ihr habt gerade das 15-jährige Jubiläum Eures Labels „Grand Hotel van Cleef“, das du gemeinsam mit Thees Uhlmann und Kettcar-Bassist Reimer Bustorff führst, gefeiert. Und nach Jahren, in denen die Zukunft der Band in der Schwebe war, geht es mit Kettcar gerade wieder richtig ab. Was bedeuten Dir Stabilität und Beständigkeit?
Marcus:
Das ist toll. Man fühlt sich bestätigt. Gerade als Band sind wir eine viel stärkere Gemeinschaft als in den Jahren zuvor. Wir sind wieder richtig Band, wir haben bei der Arbeit an „Ich vs. Wir“ neu zueinandergefunden. Es gibt gerade nicht so viele Gründe, das nicht noch lange weiterzumachen.
Kettcar kommen 2018 auf Tour. Tickets gibt es noch für ihren Gig in Köln:
Samstag, 3. Februar 2018, 20 Uhr
Palladium
Schanzenstraße 36
51063 Köln
Karten gibt es für 33,55 Euro im RZ- und SZ-Ticketcenter oder unter der Ticket-Hotline Tel. 0209/14 77 999.

Teilen