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Interview mit Philipp Poisel: Die Möglichkeit des Ausbruchs

Olaf Neumann 14. Februar 2017 17:09

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    Philipp Poisel ist ein nachdenklicher Typ. Das merkt man nicht nur, wenn man seine Songs anhört, sondern sieht man auch auf Fotos wie diesem hier.

Philipp Poisel ist ein leicht schrulliger Typ mit einer nuscheligen, oft weinerlichen Stimme. Aber er versteht es, nachdenkliche Texte und stimmungsvolle Melodien zu schreiben. Nach siebenjähriger Studiopause legt er nun das in Nashville eingespielte Album „Mein Amerika“ (kl. Foto) vor. Scenario sprach mit dem 33-jährigen Ludwigsburger.

Scenario: „Mein Amerika“ ist Dein erstes Studioalbum seit 2010. Haben sich Deine musikalischen Vorlieben in den letzten Jahren verändert?
Philipp Poisel:
Es sind neue Inspirationen hinzugekommen. Ich habe zum Beispiel damit angefangen, mir alte Schallplatten anzuhören von Police, Fleetwood Mac, Dire Straits. Nach den ganzen Online-Streamings und Endlos-Playlisten ist das für mich eine neue Art, Musik zu hören. Mich interessieren der Klang und der Sound von damals.

Scenario: Ist die Platte so geworden, wie Du es Dir vorgestellt hattest?
Philipp
: Wenn ich sie alleine gemacht hätte, wäre sie anders geworden. Aber ich habe mich darauf eingelassen, anderen mehr Freiraum zu geben. Die großen Hallen sind für mich eine Herausforderung, deshalb bin ich auf eine Band angewiesen, der ich vertrauen kann. Auch die anderen brauchen auf der Bühne Momente, wo es um sie geht. Auch das ist cool. Ich bin mit der Platte nicht hundertprozentig zufrieden, aber das Gesamtprojekt stimmt.

"Eine CD ist ein Produkt"

Scenario: Künstlerisches Schaffen, egal in welcher Form, ist ja eigentlich nur durch bedingungslose Hingabe möglich. Wie weit geht diese Hingabe bei Dir?
Philipp:
Bis zu einem gewissen Punkt und dann wird es Pflichterfüllung. Eine CD ist ja auch ein Produkt. Ein notwendiges Übel, um dann wieder fünf Jahre machen zu können, was man möchte. Aber auch eine schöne Idee. Ich brauche jedenfalls keine Platte um der Platte willen.

Scenario: „Ich wollte immer anders als die anderen sein“, singst Du in einem Song. Was genau meinst Du damit?
Philipp:
In meinem Heimatdorf habe ich als Kind die Erfahrung gemacht, nicht dazuzugehören. Dafür gibt es im Schwäbischen sogar einen eigenen Begriff. Aber es war ja auch mein Heimatort, auch wenn ich in keinem Verein war. Um diese Ambivalenz geht es in einem meiner Lieder. Dadurch, dass ich heute die Möglichkeit habe, auszubrechen, kann ich entspannter auf diese Situation zurückschauen.

Scenario: Für was konntest Du Dich als Kind begeistern?
Philipp:
Ich hatte eigentlich dieselben Interessen wie alle anderen auch. Meine Freunde waren ebenfalls Kinder von zugereisten Familien. Dadurch haben wir unser Ding abseits der Dorfvereine gemacht. Zum Beispiel eine Band. Ansonsten war ich im Wald oder am See wie jedes andere Kind auch. Es gab dort viel Idylle. Meine Bewunderung galt immer den größeren Jungs aus Stuttgart, die mit ihren Bands in Jugendhäusern auftreten konnten oder Skateboard-Plätze hatten.

Scenario: Deine Musik beschreibt nicht unbedingt ein Idyll. In welcher Situation ist die Zeile „Wenn die Tage am dunkelsten sind, sind die Träume am größten“ entstanden?
Philipp:
Irgendwann war dieses Tour-Ding ausgelutscht und ich wurde faul. Mir wurde gewahr, dass es nicht von alleine so weitergeht. Ich musste aus dieser Dunkelheit und Isolation wieder rauskommen, ich habe ja keinen Arbeitsalltag wie meine Freunde in Ludwigsburg. Ich erlebe Phasen, bei denen ich nicht so richtig weiß, was ich mit dem Tag anfangen soll. Es kostet viel Kraft, sich da wieder rauszuziehen. Inzwischen liegt die Phase hinter mir, die ich mit diesem Song abbilden möchte. Ich brauche aber nach wie vor diese Zurückgezogenheit, um überhaupt nachdenken zu können. In einer großen Stadt würde ich mich schnell verlieren – und dann hätte ich noch weniger Halt.

Scenario: Auch in „Bis ans Ende der Hölle“ singst Du von einer schweren Zeit. Ein autobiografischer Song?
Philipp:
Natürlich gibt es auch auf der düsteren Seite Schwingungen. Bei Nachtwanderungen im Wald spüre ich eine archaische Kraft. Solche Momente kann ich immer genießen, auch wenn sie düster sind.

Scenario: Glaubst Du an Himmel und Hölle, oder hat man die eher zu Lebzeiten?
Philipp:
Mit der christlichen Lehre kann ich schon etwas anfangen. Mir gefällt es, sie um fernöstliche Philosophien und Glaubensrichtungen zu einem Patchwork zu ergänzen. Zusammen ergeben sie für mich ein kosmisches Bild. Bei einem Blick in den Nachthimmel spürt man, wie man Teil eines riesigen Kosmos ist. In solchen Naturmomenten finde ich viele Antworten für mich. Zudem habe ich angefangen zu malen, weil das Musikalische besetzt war mit der Angst zu scheitern. Beim Malen kann ich nicht scheitern, weil ich da keiner Bewertung ausgesetzt bin.

Scenario: Brauchen Künstler Schmerz? Ist es das Leid, das Kunst zur Welt bringt?
Philipp
: Dieses Resümee kann man schon ziehen, aber die Erkenntnis allein bringt mir persönlich keine Motivation. Wirklich geholfen hat, dass ich mir die Zeit genommen habe, in die Natur zu gehen, zu malen und zu versuchen, auf meine eigene Stimme zu hören. Es gibt viele Menschen, die aus Krisen etwas gemacht haben. Das sind tolle Vorbilder.
"Philipp Poisel - live 2017“:
Dienstag, 11. April 2017, 19.30 Uhr
König-Pilsener-Arena
Arenastraße 1
46047 Oberhausen
Karten gibt es ab 48 Euro im RZ- und SZ-Ticketcenter oder unter der Ticket-Hotline 0209/14 77 999.

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