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Interview mit Rag'n'Bone Man: "Ich bin ein lockerer Typ"

Steffen Rüth 02. Februar 2017 18:57

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    Das Äußere täuscht: Rag'n'Bone Man hat trotz bulliger Statur ein zartes Wesen.

Der Rag’n’Bone Man hat in Wirklichkeit den Allerweltsnamen Rory Graham, ist gerade 32 Jahre alt geworden und lebt im südenglischen Seebad Brighton. Musik macht Rory schon seit bald zehn Jahren, aber erst jetzt hat er dank seiner Supersingle „Human“ europaweit immensen Erfolg. „Human“ heißt auch sein Album, 19 Songs sind drauf, und meist hält sich Rory eher in Blues-Pop-Gefilden der melancholischen Sorte auf. In Berlin trafen wir auf einen freundlichen, lakonischen Musiker, der seiner bulligen Statur zum Trotz ein eher zartes Wesen offenbart.

Scenario: Rory, Dein Song „Human“ stand drei Monate lang auf Platz Eins der deutschen Single-Charts, inzwischen bist Du mit dem Lied in ganz Europa und auch in deiner englischen Heimat erfolgreich. Was macht das alles mit Dir?
Rory Graham:
Ach, ich hoffe so wenig wie möglich. Ich will mich nicht verändern oder irgendwie anpassen an den Erfolg. Ich bin zurzeit noch weniger zu Hause als sonst, das ist neu. Und ich versuche mich unterwegs auf Tour mit meiner Freundin zu treffen, jetzt hier in Berlin haben wir uns zum Beispiel getroffen und nach drei Wochen erstmals wiedergesehen. Heute Abend wollen wir noch schön essen gehen, immer geht , wir sehen uns nach drei Wochen erstmals wieder. Aber mir geht es gut. Ich liebe die Musik, egal, vor wie vielen Menschen ich singe.

Scenario: Trotzdem irre, oder nicht?
Rory:
Ja, sicher. Völlig verrückt. Ich arbeite seit neun oder zehn Jahren als Musiker, und zack, auf einmal grassiert mein Lied wie die Grippe. Überall, auf ganz großem Level. Bis vor einigen Wochen hatte ich ja in Großbritannien noch meine Ruhe, „Human“ war zuerst auf dem Festland ein Hit. Aber jetzt spielen sie mich im britischen Mainstreamradio hoch und runter, mit der Anonymität ist es vorerst vorbei.

Scenario: Du bist ja nun auch nicht der unauffälligste Zeitgenosse. Wirst Du ständig auf der Straße angesprochen?
Rory
: An normalen Tagen sind es ungefähr 20 Fotos, die ich mit Leuten mache. Ist doch super. Mir gefällt das, wie ein Popstar behandelt zu werden. Ich komme gerne mit Menschen ins Gespräch.

Scenario: Erinnerst Du Dich, wie „Human“ entstanden ist?
Rory:
Natürlich. Mein Songschreibekumpel Jamie Hartman und ich, wir saßen in meinem Studio in Brixton im Süden von London, was wirklich nur ein kleines Kackstudio ist, aber mir gefällt es, jedenfalls unterhielten wir uns, wie so oft, und ich sagte „Jaja, some people got real problems“, was so viel heißt wie „die meisten unserer Probleme sind gar keine Probleme, erst recht nicht, wenn man sie mit wirklichen Problemen von Menschen irgendwo anders auf der Welt vergleicht“, und auf einmal ging es ganz schnell. Ich schrieb den Text, Jamie sorgte für die Poppigkeit der Melodie, denn das kann er besser als ich, wir schickten das Stück zu unserer Plattenfirma, und die reagierten sofort und meinten „Dieser Song ist wirklich gut“.

Scenario: Ist die Haltung, die Du in „Human“ vertrittst, Deine tatsächliche Meinung?
Rory:
Hundertprozentig. Es geht uns wirklich, im Großen und Ganzen, gut. Sich ständig maulend und nörgelnd über alles zu beklagen, finde ich töricht.

Scenario: Einen Song wie „Human“ gibt es höchstens alle zwei, drei Jahre. War Dir klar, wie groß die Nummer werden würde?
Rory:
Nein, ich hatte keine besonderen Erwartungen. Ich lebe sowieso eher von Tag zu Tag, ich bin kein großer Stratege. Eine Nummer Eins zu haben, ist natürlich eine großartige Sache, eine Riesenüberraschung.

Scenario: Du bist ein ziemlich entspannter Zeitgenosse, was?
Rory:
So sagt man es mir nach (lacht). Ich bin ein lockerer Kerl, nicht sehr karrierefixiert, eigentlich auch nicht sehr ehrgeizig.

Scenario: Wann hast Du gemerkt, dass Du diese ausdrucksstarke Stimme hast?
Rory:
Gesungen habe ich schon als Kind. Als Junge war ich im Chor, meine Stimme war immer sehr hoch, und zwischendrin sang ich auch mal ein paar Jahre nicht, versuchte mich stattdessen als DJ und als schlechter Rapper. Ich war 21, als ich mit meinem Vater im Pub war, und es passierte.

Scenario: Was?
Rory:
Es war so eine Art Liederabend, alle sangen mal, also hieß es „Rory, mach mal, das kannst Du doch“. Ich wollte nicht, war schüchtern, und mein alter Herr so „Komm hier, Whiskey“. Ich trank ein paar Gläser und sang. War irgendwie cool. Meine Stimme hörte sich viel tiefer an als ich sie gewohnt war, den Leuten gefiel es. Also kam ich wieder und immer wieder.

Scenario: Musstest Du jedes Mal vorher trinken?
Rory:
Nein, ich fühlte mich schnell wohl auf der Bühne und brauchte das zusätzliche Selbstvertrauen nicht mehr. Ich sang Songs von Muddy Waters, überhaupt liebe ich den alten Blues von früher, mag aber auch HipHop und Jazz.

"Ich will moderne Musik machen"

Scenario: Dennoch klingen Deine Lieder nach aktuellem Pop.
Rory:
Ja, ich will moderne Musik machen. Allerdings mit ein paar Einflüssen von früher. Viele Kids wissen gar nicht mehr, was Jazz und Blues eigentlich ist. Die hören zuerst meine Musik und fragen sich dann vielleicht „Was hat ihn inspiriert?“

Scenario: Gibt es die Kneipenabende mit Deinem Vater noch?
Rory:
Ja, Dad und ich, wir gehen immer noch gerne zusammen einen trinken, und wir spielen auch zusammen Musik. Er singt ein bisschen so wie ich.

Scenario: Seht Ihr Euch ähnlich?
Rory:
Überhaupt nicht. Mein Vater ist viel kleiner und eher schmal. Dafür ist meine Mutter ziemlich groß. Ich habe das sowieso alles meinen Eltern zu verdanken mit der Musik. Beide haben einen richtig guten Musikgeschmack, und sie haben uns prima aufgezogen, selbst wenn sie nicht mehr zusammenlebten. Wir haben immer viel draußen gemacht, sind in Musicals, in Konzerte und ins Theater gegangen. Eine Erziehung im Stile von „Guck Fernsehen und halt die Fresse“ gab es bei uns nicht. Meine Eltern hatten eine Supereinstellung.

Scenario: Du hast ja auch schon Jahre vor „Human“ als Berufsmusiker gearbeitet. Ein hartes Brot?
Rory
: Nein, ich war vorher ganz andere Jobs gewöhnt. Ich war Bauarbeiter, habe Straßen gegraben und hatte schreckliche Jobs nach der Schule. Ich vermisse das überhaupt nicht. Jahrelang war ich bei uns in Brighton in einer Hip-Hop-Gruppe und habe viel Erfahrung gesammelt. Das war mühsam, aber es war auch schön und wertvoll.

"Man kann nicht sofort als Popstar anfangen"

Scenario: In einer Castingshow zu singen war wohl keine Option für Dich?
Rory: Nee, diese Sendungen taugen doch nichts. Da sind dann irgendwelche Leute und sagen „Dies ist mein erstes Mal auf der Bühne, und jetzt will ich ein berühmter Sänger werden“. Das ist eine falsche Denkweise. Man kann nicht sofort als Popstar anfangen. Man braucht die langen Fahrten, die miesen Clubs, die Auftritte vor Besoffenen. Alles das gehört dazu, wenn du dir deine Meriten verdienen willst. Davon abgesehen ist Musik für mich kein Wettbewerb. Ich finde diesen Gedanken abwegig und eigenartig.

Scenario: Wovon handelt Deine neue Single, die traurige Ballade „Skin“?
Rory:
Davon, etwas knapp im Leben zu verpassen. Ich singe über zwei Menschen, die sich lieben, die aber aus verschiedenen Welten kommen und nicht zusammen sein können. Ich habe dabei an Jon Snow aus „Game Of Thrones“ gedacht. Mit ihm und seinem Mädchen geht es ja ebenfalls sehr schlecht aus. Er tötet sie, wenn auch mehr so aus Versehen.

Scenario: Insgesamt sind die meisten Lieder auf Deinem Album „Human“ dunkel und nicht sehr fröhlich. Sondern ganz schön tiefschürfend.
Rory (lacht):
Das sagt meine Mutter auch, Mum meint, ich hätte mehr glücklich klingende Songs aufnehmen sollen. Die Platte würde sie so runterziehen. Sie fragte mich neulich sogar, ob es mir denn wirklich so schlecht gehe. Sorry, Mum.

Scenario: Hast Du es denn probiert mit den glücklichen Liedern?
Rory:
Sich das vorzunehmen, klappt schon gar nicht. Da kommt nur Schrott bei heraus. Aber vielleicht passiert das bald von selbst, denn im Moment bin ich ziemlich gut drauf und glücklich.



 

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