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Interview mit Tim Bendzko: "Singen ist ein Grundbedürfnis"

Steffen Rüth 02. Januar 2017 15:20

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    Der Mann mit den Locken und dem Gespür für tief gehende Texte: Tim Bendzko fühlt sich trotz seines Erfolges immer noch wie ein normaler Mensch.

Pop von Steffen Rüth Interview. Bei den ganzen mehr oder weniger sensiblen jungen Männern mit Gitarren, die in den vergangenen Jahren die Charts mit ihrem Liedern zugekleistert haben, drohte der Berliner Tim Bendzko, 31, ein wenig in Vergessenheit zu geraten. Dreieinhalb Jahre nach seinem zweiten Album „Am seidenen Faden“ kommt der Lockenmann, der 2011 mit „Nur noch kurz die Welt retten“ berühmt wurde, zurück und behauptet im Albumtitel, „Immer noch Mensch“ zu sein. Wir durften mit ihm sprechen.

Scenario: Worum geht es Dir im neuen Album?
Tim Bendzko:
Der Grundgedanke des Albums ist eher eine Bestandsaufnahme. Ich war fünf Jahre lang unterwegs, habe wahnsinnig tolle Sachen erlebt, Als ich dann nach Hause kam, hatte ich das Bedürfnis, mich erstmal gründlich abzutasten. Ob alles noch dran ist. Und ob ich trotz aller Erfahrungen und Erfolge noch ein ganz normaler Mensch bin,

Scenario: Und? Bist Du noch derselbe Tim wie vor fünf Jahren? Oder haben Dich der Monsterhit „Nur noch kurz die Welt retten“, insgesamt eine Million verkaufte Alben und eine Dauerpräsenz in TV und Radio sehr verändert?
Tim:
Klar verändert man sich. Ich lebe heute das Leben, auf das ich viele Jahre hingearbeitet, von dem ich immer geträumt habe. Das macht natürlich etwas mit mir. Es ist auch Unterschied zu dass ich heute Songs schreibe und weiß, dass eine gewisse Menge Leute zuhören werden. Die Erwartungshaltung ist einfach eine höhere geworden. Ich kann aber trotz allem ausschließen, dass ich zu einem komischen Typen geworden bin (lacht).

"Eine Pause entspricht nicht meinem Naturell"

Scenario: Du warst relativ lange nicht mit neuer Musik am Start. Hast Du eigentlich eine Pause gemacht?
Tim:
Eine klassische Pause entspricht nicht so meinem Naturell. Zu schreiben und zu singen, das ist für mich ja keine Arbeit, sondern ein Grundbedürfnis. Bis Frühjahr 2015 habe ich Konzerte gespielt, und dann fing ich an, neue Songs zu schreiben. Anfang des Jahres dachte ich, ich sei soweit fertig mit dem Album, aber irgendwie war es das noch nicht. Ich schrieb innerhalb ziemlich kurzer Zeit nochmal die Hälfte der Songs neu.

Scenario: Da ist dann aber schon Druck da, oder nicht?
Tim:
Ja, kurz (lacht). Ich merkte aber schnell, die einzige Möglichkeit, jetzt was zu schreiben, ist sich zu entspannen. So entstand „Keine Maschine“. 

Scenario: Du hast Deine Berliner Mietwohnung gekündigt und bist rausgezogen, in Dein eigenes Haus im Grünen. Wolltest Du Deine Ruhe haben?
Tim:
„Haus“ klingt mir zu imposant. Es ist eher ein Häuschen.

Scenario: Hast Du dort auch das Album aufgenommen?
Tim:
Ja, komplett. Ich wollte nicht immer durch die Gegend fahren und pendeln zwischen Wohnung und Studio. Ich habe das Album ja auch selbst produziert und hatte keine Lust auf irgendeinen Zeitdruck. Mir war wichtig, dass ich dann arbeiten konnte, wann ich wollte. Zum Schluss habe ich nichts anderes mehr gemacht, als mich mit dieser Platte zu beschäftigen. Und damit meine ich: nichts. Nur noch schlafen, essen und im Studio sein.

Scenario: Kann man denn überhaupt noch Leben und Arbeiten trennen, wenn man alles unter einem Dach macht?
Tim:
Das Studio ist im Keller. Treppe runter, und ich bin in einer anderen Welt. Ich wollte das Album in einem Umfeld machen, in dem ich mich zuhause fühle. In einem Raum, den ich richtig mag. Man sollte quasi hören, wie ich da sitze, bei mir im Keller. Deshalb ist auch zum Beispiel kein Orchester drauf, die Songs klingen sehr reduziert und natürlich. Die Intimität beim Aufnehmen, die spiegelt sich inhaltlich und musikalisch wider.

Scenario: Kommt man Tim Bendzko auf diesem Album näher als bisher?
Tim:
Ja. Die Sache, die ich jetzt preisgebe, die hätte ich vor drei oder fünf Jahren nicht preisgegeben. Beim Titelsong zum Beispiel hätte ich früher Angst gehabt, dass es zu politisch ist, wenn ich frage, ob wir denn alle noch bei klarem Verstand seien.

Scenario: Worauf nimmst Du in dem Stück konkret Bezug?
Tim:
Als ich im Studio war, kam das Gefühl auf, dass um uns herum die Welt zusammenbricht. Allen ging es schlecht, nur uns Deutschen ging es auffällig gut, so nach dem Motto „Deutschland ist der große Retter Europas“. Dann kommen die Flüchtlinge, und man sitzt fassungslos da und denkt, was in uns gefahren ist, dass es scheinbar nur noch darum geht, wie wir diese Leute von uns fernhalten. Anstatt, dass man konkret überlegt, was man machen kann, damit die Menschen gar nicht erst wegzulaufen brauchen. Dann kommen solche komischen Ängste auf, dass die bösen Flüchtlinge einem was wegnehmen, oder dass sie uns gleich das ganze schöne Deutschland nehmen. Ich frage mich echt, was denn hier überhaupt los ist. Da könnten wir einmal Menschlichkeit zeigen, und stattdessen führen sich einige bei uns auf wie die Tiere, andere neigen zur Überheblichkeit. Ich finde das ganz schlimm.

Scenario: Du bist berühmt geworden mit dem Song „Nur noch kurz die Welt retten“. Also, wann, wenn nicht jetzt?
Tim:
Wohl wahr. Ich glaube aber nicht, dass Prominenz einen stärker dafür prädestiniert, seine Stimme zu erheben als jeden anderen Menschen. Ich bin Sänger, meine Ausdrucksform ist die Musik. Ich schreibe meine Lieder, wenn mich Dinge beschäftigen, oder ich Sachen verarbeiten will.

Scenario: Die meisten Songs auf „Immer noch Mensch“ sind ziemlich melancholisch. „Reparieren“ behandelt eine scheiternde Beziehung, in „Winter“ singst Du: „Woran soll man glauben, wenn die Liebe nichts taugt“. Hat die Liebe Dir blöd mitgespielt in jüngerer Zeit?
Tim
(lacht): Du hast ja richtig Mitgefühl. Ich habe mir beim Schreiben von „Winter“ vorgestellt, wie ich abgestumpft, zusammengekauert und halb erfroren durch die leeren Straßen laufe.

"Die menschliche Natur ist ein Auf und Ab"

Scenario: Du neigst offenbar zur Melodramatik.
Tim:
Aber immer nur kurz! Der Winter ist ja nicht das Ende, danach geht es weiter. Dieses Wissen lässt einen weitermachen. Ich bin der letzte Mensch, der sich von Negativität dominieren lässt. Das merke ich auch beim Wandern. Die menschliche Natur ist ein Auf und Ab, ich kann mich den Tiefen getrost hingeben, danach wird es schon wieder raufgehen.

Scenario: Ist „Beste Version“ Deine Kritik am grassierenden Optimierungsdrang der Menschen?
Tim:
Das ist eher wieder so eine Beziehungsbetrachtung. Du lernst jemanden kennen und findest die Eigenschaften des anderen interessant, sie ziehen dich an. Irgendwann fängst du als Paar damit an, dich anzugleichen, zu optimieren, was den anderen an dir stört. Und irgendwann wunderst du dich, dass die Beziehung nicht mehr funktioniert. Weil man sich so sehr angepasst hat, dass man sich zu ähnlich geworden ist.

Scenario: Fragst Du Dich heute mit ein paar Jahren Abstand, warum „Nur noch kurz die Welt retten“ damals so riesengroß geworden ist?
Tim:
Da hatte ich mehr Glück als Verstand. Zum Teil war es auch ein Hype, das muss man schon so sehen. Der Mensch neigt dann dazu, beim ersten großen Hit gleich zu denken, dass er jetzt echt ein Star ist. Das beobachte ich beim einen oder anderen meiner Musikerkollegen. Aber so ist es nicht. Ein Hit ist nur ein erster kleiner Schritt. Und außerdem: Ich habe insgesamt eine Million Alben verkauft. In unserem Land leben ungefähr 80 Millionen Menschen. Da von sich zu glauben, dass man der Größte ist, das ist totaler Blödsinn.

Scenario: Seit Deinem Debüt ist die Anzahl der mehr oder weniger sensiblen jungen Männer mit deutschsprachigen Popsongs nicht kleiner geworden. Guckst Du, wer sonst so am Start ist?
Tim:
Ja, aber aus Interesse und Neugier, zum Beispiel, was deren Inhalt angeht. Das Konkurrenzding ist überhaupt nicht meins. Für mich sind das auch teilweise ganz andere Musikrichtungen, was die anderen machen. Auf die Charts schauen würde ich nur dann, wenn jetzt Andreas Bourani, Joris, Mark Forster und ich gleichzeitig ein Album veröffentlichen würden (lacht).

Scenario: Bleibt der Trend noch länger?
Tim:
Wer weiß. Gerade überlagern ja EDM und House so ziemlich alles. Vielleicht muss ich demnächst direkt einen Dance-Remix ans Radio schicken.

Scenario: Du bist in der Jury des deutschen ESC-Vorentscheids, zusammen mit Lena Meyer-Landrut und Florian Silbereisen. Warum trittst Du nicht selber an?
Tim:
Weil ich glaube, dass ich mit meiner Art von Musik nicht zum ESC passe. Meine Musik hebt sich ja ab durch ihre Natürlichkeit, beim ESC ist eher das Grelle, Auffallende gefragt. Ich liebe die Sendung. Mein Stiefvater hat immer Geburtstag gefeiert, wenn der ESC lief, deshalb gucke ich das schon, seit ich Kind bin.

Scenario: Hoffentlich wird Euer Beitrag nicht wieder auf den letzten Platz.
Tim:
Schlechter kann es eh nicht mehr werden. Wir haben aber nur eine beratende Funktion. Entscheiden werden nach wie vor die Fernsehzuschauer.
Tim Bendzko kommt auf „Immer noch Mensch“-Tour
Donnerstag, 1. Juni 2017, 19.30 Uhr
König-Pilsener-Arena, Oberhausen
Karten gibt es ab 35,90 Euro im RZ- und SZ-Ticketcenter oder unter der Ticket-Hotline 0209 / 14 77 999.
 
 

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