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Interview mit den Broilers: "Manchmal muss man schreien"

Olaf Neumann 09. Februar 2017 09:57

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    Die Broilers sind wieder da! Frontmann Sammy (2. v. l.) ist stolz, dass seine Bandkollegen und er immer mit dem Bauch entschieden haben, denn das war so erfolgreich, dass die Punker seit 25 Jahren im Musikgeschäft mitmischen.

Die Broilers aus Düsseldorf stehen im Ruf, authentisch und unangepasst zu sein. Mit dem siebten Studioalbum „(sic!)“ (kl. Foto) will Frontmann Sammy Amara beweisen, dass er zu den großen Shoutern des deutschen Stadion-Punk gehört. Die rasanten, geradlinigen Songs bewegen sich stilistisch zwischen Punk, Ska, Pop und Singer-Songwriter-Klängen und die engagierten Texte verschränken geschickt Historie und Gegenwart, Politik und Privates. Wir sprachen mit dem charismatischen Sammy.

Scenario: Der Zusatz „(sic!)“ bedeutet „So (und nicht anders)“ und findet sich überwiegend in akademischen Texten. Wie kamt Ihr auf diesen ungewöhnlichen Albumtitel?
Sammy Amara: Bei uns stehen Albentitel schon ganz früh fest, damit wir etwas haben, mit dem wir im Kopf arbeiten können. „Sic“ in diesem Falle – das lateinische Wort für „so“ – kenne ich als Typograf aus der Schriftsprache. Aufmerksame Bleisetzer haben damals durchaus fehlerhafte Texte korrigiert, obwohl sie alles spiegelverkehrt gelesen haben. „Sic“ bedeutet, dass das Vorangegangene, obwohl es fehlerhaft wirkt, bewusst so gemeint ist. Wenn man das jetzt metaphorisch auf eine andere Ebene hebt, mögen diese 25 Jahre Bandgeschichte von außen durchaus bekloppt und voller Fehler wirken, aber für uns war alles genau richtig. Die Bauchentscheidungen haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind.

Scenario: Du hast ein „Bitteres Manifest“ verfasst. Was war der Grund für dieses düstere Lied?
Sammy:
Das Vorgängeralbum „Noir“ war sehr dunkel auf persönlicher und emotionaler Ebene. Unser aktuelles Album ist zwar auch wieder dunkel, aber viel globaler. Weil es alle angeht, was da draußen passiert. Das „Bittere Manifest“ ist eine Momentaufnahme und an einem Tag entstanden, an dem ich ziemlich schlecht drauf war. Es gibt Tage, da gehen dir fröhliche Menschen auf den Geist. Dieses Gefühl habe ich in dem Song ein bisschen überzeichnet. Manchmal muss man schreien. Das hilft.

"Ich konnte Patriotismus noch nie nachvollziehen"

Scenario: In „Nur ein Land“ beschreibst Du Dein persönliches Verhältnis zu Deutschland. Welches Verhältnis hast Du zu Deiner Heimat?
Sammy
: Ich bin froh, hier zu leben. Dem größten Teil der Menschen in Deutschland geht es ziemlich gut. Vor allem verglichen mit anderen, denen es schlecht geht und die aus diesem Grund berechtigt aus ihrer Heimat flüchten. Ich konnte Patriotismus noch nie nachvollziehen. Es ist doch ein Zufall, dass ich hier lebe. Wenn Leute Bock haben, Fahnen zu schwenken und das Heimatland abzufeiern, sollen sie das von mir aus tun. Aber gefährlich wird es dann, wenn der Patriotismus zu Nationalismus wird. Denn dann werden Menschen ausgeschlossen aufgrund von Merkmalen, die man nicht selber herbeigeführt hat: Hautfarbe, Haarfarbe, Geburtsort. Das halte ich für sehr gefährlich.

Scenario: Gibt es viel Positives in diesem Land oder überwiegt aus Deiner Sicht das Negative?
Sammy:
Es gibt hier eine ängstliche und durchaus negative Grundstimmung. Menschen brauchen jemanden, auf dem sie trampeln und treten können. Und das sind meistens die, die gar nichts mehr haben und die ihre Heimat verlassen mussten, um zu überleben. Das alles bildet eine negative Grundstimmung, die aber unnötig ist. So schlimm ist es nämlich nicht. Den Bürgern hierzulande darf noch nicht mal der Fernseher weggepfändet werden. Im Internet schreiben Leute, es gebe in Deutschland keine Meinungsfreiheit. Das ist absurd und ein Schlag in die Fresse für Menschen in totalitären Staaten, die wirklich keine Meinungsfreiheit erleben.

Scenario: Was treibt Dich an als Songschreiber? Versuchst Du als Deutscher mit Migrationshintergrund, dieses Land zu verstehen?
Sammy:
Ich bin ein Teil von Deutschland. Manche Dinge kann ich verstehen, beziehungsweise nachvollziehen, manche versuche ich zu verstehen, obwohl sie auf mich absurd wirken. Mich interessieren Menschen, weil sie ein Land gestalten. Deutschland ist der Behälter, in dem die ganzen Menschen rumschwimmen. Da gibt es tolle Exemplare und widerliche. An manchen Tagen will ich viel Liebe spenden, an anderen bin ich sehr nah am Mittelfinger gebaut.

Scenario: Welche Rolle spielt die deutsche Geschichte in Deinem Leben?
Sammy:
Geschichte interessiert mich. Ich will wissen, wie es zu gewissen Dingen kommen konnte und was Menschen dazu bewegt hat, Dinge zu tun oder nicht zu tun. Am Ende des Tages wiederholt sich alles. Eigentlich könnten wir als aufgeklärte Menschen Dinge vermeiden. Tun wir aber nicht. Wir wissen, dass irgendwann Schicht ist, trotzdem machen wir weiter. Es fängt mit Kleinigkeiten an: fehlende Sozialkompetenz, die liegen gelassene Plastiktüte, dem anderen die Tür nicht aufhalten.

Scenario: Und das macht Dich wütend?
Sammy:
Manchmal macht es mich wütend, manchmal schüttele ich den Kopf. Aber vor allem frage ich mich, was ich selber ändern sollte. Ich möchte gern lernen, kein Fleisch mehr zu essen, und ich habe Angst, gewisse Videos aus Schlachthäusern zu sehen. Weil es mir unfassbar wehtut. Ich bin noch nicht stark genug, vom Fleischessen loszukommen. Ich glaube, ich brauche diese Nährstoffe. Veganer werden mir dafür den Kopf abreißen, aber dann sollen sie mich bitte aufklären. Schlimm, denn ich liebe Tiere. Manchmal finde ich sie sogar angenehmer als Menschen.

Scenario: Wie tolerant und weltoffen ist das deutsche Volk noch?
Sammy:
Eigentlich sehr. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass uns unsere Geschichte davor schützt, nicht komplett am Rad zu drehen. Wir müssen die Wahlen abwarten und vorsichtig sein zu klatschen, dass in Österreich nicht der Fascho gewonnen hat. Ich kann es mir in Deutschland nicht vorstellen, obwohl der Mainstream tendenziell in diese Richtung kippt. Die Kulturschaffenden sind weniger konservativ. Darauf hoffe ich, denn sie sind auch Meinungsmacher.

Scenario: Angeblich kann man mit Musik Aggressionen abbauen, beziehungsweise in andere Bahnen lenken. Funktioniert das wirklich?
Sammy:
Das funktioniert gut. Mir ist es tausendmal lieber, Leute powern sich beim Sport aus als auf der Straße. Deswegen gibt es in allen Gefängnissen Fitnessstudios. Die Jungs sollen sich da müde machen.
Die Broilers kommen live in unsere Nähe:
Donnerstag, 2. März, 20 Uhr
Messe + Congress Centrum Halle Münsterland
Münster
Samstag, 25. März, 20 Uhr
Lanxess Arena
Köln
Karten gibt es für 39,05 Euro im RZ- und SZ-Ticketcenter oder unter der Ticket-Hotline Tel. 0209 / 14 77 999.

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