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Interview mit der Antilopen Gang: „Wir sind nicht so harmlos“

Steffen Rüth 25. Januar 2017 06:53

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    Panik Panzer (v.l.), Danger Dan und Koljah von der Antilopen Gang geben Euch einen Daumen hoch fürs Interview-Lesen

So ähnlich kennt man das schon von den Kollegen wie K.I.Z oder 257ers: Vieles, was das Rap-Trio songtextlich auf dem neuen Album „Anarchie und Alltag“ von sich gibt, ist weder ernst gemeint noch ernst zu nehmen. Spaßrapper sind die langjährigen Freunde Koljah sowie die Brüder Panik Panzer und Danger Dan allerdings noch lange nicht. Mit Koljah und Panik Panzer sprachen wir in Berlin.

Scenario: Jungs, eure erste Single „Trojanisches Pferd“ spielt auf eine Sage aus der griechischen Mythologie an. Einst versteckten sich Krieger der griechischen Armee in einem ausgehöhlten Holzpferd und eroberten mittels dieser legendären List die Stadt Troja. Das „Trojanische Pferd“  in eurem Video kommt in Gestalt eines leibhaftigen Geißbocks daher. Outen sich die Herrschaften hier etwa als Fans des 1. FC Köln?
Koljah: Dass der Geißbock das Wappentier des FC ist, war uns ehrlichgesagt gar nicht so bewusst. Wir sind auch alle drei nicht so wahnsinnig fußballaffin. Für uns handelt es sich bei dem Tier einfach nur um eine Ziege
Panik Panzer: Die außerdem beim Videodreh schwanger war. Weißchen heißt sie.

Scenario: Warum Ziege und nicht Pferd?
Panik Panzer: Wir hätten Angst gehabt, mit einem richtigen Pferd zu drehen, die können ordentlich zutreten. Die Ziege entsprach genau unserer Kragenweite.

Scenario: Ihr rappt in dem Song darüber, dass man euch, die vermeintlich nette und witzig-politisch-kritische Band gerne zum Beispiel in Fernsehstudios einlädt, ihr habt 2015 etwa auch den „New Music Award“ der ARD gewonnen. Seid ihr also doch nicht so nett und pflegeleicht wie die meisten denken?
Koljah: Wir lassen in dem Stück Revue passieren, was mit uns in den vergangenen zwei Jahren passiert ist. Für die Medien sollen wir die Rolle der der frechen und lustigen Rebellen erfüllen. In Wirklichkeit sind wir nicht so harmlos wie alle denken. Sondern gefährlicher.

Scenario: Im Text zu „Baggersee“ sagt ihr, dass ihr eine „Atombombe auf Deutschland“ werfen wollt.
Koljah: Ja, aber wir wollen wirklich nur für alle das Beste. Das Entscheidende ist nicht die Atombombe, sondern dass wir durch den Atomkrater einen riesengroßen Baggersee bekommen, also einen Ort für Spaß, Freude und Erholung.

Freude an Punkmusik

Scenario: "Baggersee" ist ausnahmsweise nicht HipHop, sondern Punk. Weshalb?
Panik Panzer: Weil wir Freude an Punkmusik haben, Der Song ist innerhalb von zwei Stunden entstanden. Wir haben es uns mit dem neuen Album nicht leicht gemacht, aber manchmal sprudelt es aus uns heraus.

Scenario: Als Gratiszugabe zu „Anarchie und Alltag“ gibt es auch das Punkalbum „Atombombe auf Deutschland“, auf dem ihr gemeinsam mit alten und jungen Punks – Campino, Fehlfarben und Feine Sahne Fischfilet zum Beispiel – zwölf Nummern der Antilopen Gang in Punkrock-Versionen spielt. Seid ihr vielleicht eher Punks als Rapper?
Panik Panzer: Ich hatte mit Freunden in der Schule tatsächlich mal eine Punkband ins Leben gerufen. Bierschiss haben wir geheißen. Wir sollten auf einem Festival auftreten, doch dann kam der Bassist nicht. Ein Konzert haben wir also nie gespielt.
Koljah: Ich war in jungen Jahren großer Toten-Hosen-Fan, ich habe in unserer Schülerband total  einen auf Campino gemacht, ich wollte so sein wie er. Ich habe auch immer Bilder von den Toten Hosen gemalt.

Scenario: Inzwischen seid ihr bei JKP, dem Label der Toten Hosen, unter Vertrag. Da wird also wohl ein Kindheitstraum wahr.
Koljah: Das ist schon toll, ganz ernsthaft. JKP hat ein Potential in uns gesehen, dass sie allmählich aufbauen wollen. Wir hatten, also wir 2014 dort unterschrieben, ja schon einige Jahre auf dem Buckel, kannten jeden Jugendclub und jedes Autonome Zentrum. Die Idee von und mit JKP war es, die Antilopen Gang etwas professioneller aufzuziehen, vernünftige Strukturen aufzubauen, damit wir vom Musikmachen vernünftig leben können. So weit, so gut.

Scenario: „Aversion“ kam in den deutschen Charts bis auf Rang 41.
Panik Panzer: Da ist noch Luft nach oben (lacht).

Scenario: Im Text zu „Beate Zschäpe hört U2“ habt ihr schon vor gut zwei Jahren einige Entwicklungen, unter anderem die starke Zunahme der Angriffe auf Flüchtlingsheime, vorhergesehen. Wenn ihr quasi visionär und eurer Zeit voraus seid, wie geht es weiter?
Koljah: Naja, ich will noch einmal auf die Baggersee-Idee zurückkommen. Der zweite programmatische Song auf dem Album heißt „Pizza“. Vielleicht liegt das tatsächliche Szenario irgendwo dazwischen.

Pizza hat revolutionäres Potenzial

Scenario: "Pizza" handelt davon, dass die Menschen unabhängig von ihrer Weltanschauung bei einem Stück Pizza zueinander finden können. „Ich glaube fest daran, dass uns Pizza retten kann“, rappt ihr. Also entweder fatalistisch wie auf „Baggersee“ oder naiv?
Koljah: Ich weiß nicht, ob ich mit einem Nazi eine Pizza essen wollte, das eher nicht. Aber würden mehr Leute erkennen, welch revolutionäres Potenzial ein gutes Stück Pizza hat, dann würde es vielleicht gar keine Nazis mehr geben.  Uns wird ja oft vorgeworfen, wir würden immer nur meckern und seien zu wenig konstruktiv. Das kann uns jetzt keiner mehr vorwerfen.

Scenario: Warum wird dank Pizza niemand zum Nazi?
Panik Panzer: Weil die Wirkung von Pizza so angenehm und erfüllend ist, dass jegliche menschenverachtende Ideologie danach nicht mehr fruchten kann. Wir sollten flächendeckend Pizza verteilen.

Scenario: Ihr habt euer Album überwiegend in der brandenburgischen Provinz geschrieben. Warum ausgerechnet dort?
Panik Panzer: Wir wollten in eine Blase eintauchen, in der es nur uns gab. Wir hatten vorher monatelang erfolglos versucht, die neue Platte zu machen, also sind wir in dieses Kaff gefahren, um uns dort zu konzentrieren. Das hat ganz gut geklappt, und unsere Sorgen, nie wieder ein Album zu schaffen, waren schnell verschwunden.
Koljah: Caputh hieß das Dorf. Später waren wir noch einmal dort, in Birkenwerder.

Scenario: Ihr geltet als sehr politische Band. Dabei drehen sich drei Viertel der neuen Songs um euch selbst. Stücke wie „Alf“ oder „Patientenkollektiv“ handeln von Depression und Hoffnung, das abschließende „Gestern war nicht besser“ ist eine fast schon trotzig-optimistische Aufbruchshymne.
Panik Panzer: Oft reihen wir nur irgendwelchen Unsinn aneinander. Die politischen Songs bekommen die meiste Aufmerksamkeit. Sie sind eine Facette von uns, aber wir haben halt noch andere Facetten.

Scenario: Aus wie vielen Widersprüchen und doppelten Böden besteht ihr Jungs eigentlich?
Koljah: Aus unendlich vielen. Uns geht das selbst auch so, dass wir uns gegenseitig verwirren. Ich denke oft, jetzt habe ich die Brüder verstanden, und dann beweisen sie mir lässig, dass dem doch nicht so ist.

 

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