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Das andere Ibiza: Seelenfrieden statt Party

Ellen Jost 01. August 2018 15:31

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    Andächtig sitzt Ellen da – mit Blick auf die unbewohnte Felseninsel Es Vedrà. „Das ist Ibiza und ich will mehr davon“, sagt sie. Die Partyhochburg am Strand von Playa d’en Bossa lässt sie dafür gerne links liegen.

Fensterplatz, Reihe H. Es ist 4:49 Uhr. Die Beschleunigung des Flugzeugs presst mich in den Sitz. Durch Kopfhörer singen die Vengaboys in meine Ohren. Leise singe ich mit: „We’re Going to Ibiza!“ Ein Song aus den neunziger Jahren, dessen Text sich endlich in eine wahre Geschichte verwandelt. Zumindest für mich und meine Freundin Nathalie. Für uns geht es zum ersten Mal nach Ibiza.

Ibiza – verschrien als Partyinsel, als Luxus-Hotspot für Reiche. Uns sind die Vorurteile egal. Wir wollen das andere Ibiza sehen, jenes, das Grund war, warum in den sechziger Jahren so viele Hippies auf diese Baleareninsel pilgerten – mit langen Haaren, Blumenkränzen und wallenden Kleidern, auf der Suche nach Frieden und Freiheit.
Auch wir wollen die besagte Freiheit spüren. Wollen unkonventionelles Leben ausprobieren, die Natur bestaunen, ohne viel Komfort.

Nach der Landung und einer langen Autofahrt auf Landstraßen, durch kleine Dörfer und Pinienwälder, kommen wir endlich an. Wir leben bei Collien, einer alten Hippie-Dame, mit braun gebrannter Haut und zahlreichen Lachfalten. Sie trägt lange Kleider aus bunten Stoffen, Ketten und Ringen – und Peace-Zeichen. Sie ist es auch, die uns zu den geheimnisvollen Orten Ibizas schickt.

Nach einer langen Wanderung ist unser erstes Ziel die Bucht Cala Llenya. Traumhaft umgeben von Hügeln, auf denen Pinien Schatten spenden – und weit weg vom überlaufenen Touristen-Strand Playa d’en Bossa, der gar nicht so schön ist, wie alle sagen.

Der weiße Sandstrand von Cala Llenya hingegen ist naturbelassen und das Wasser türkis. Paradiesisch.
Auch für Ibiza-Stadt hat Collien einen Tipp. S’Escalinata, eine unscheinbare Bar, die die beste flüssig-fruchtige Spezialität Spaniens serviert – und auch hier entfernen wir uns von den Touristenmassen. Wir müssen etliche Treppen steigen, um in der Bar anzukommen, dort eisgekühlten Sangria trinken zu können und unsere Seele baumeln zu lassen.

Es Vedrà berührt und macht uns sprachlos

Auch Es Vedrà ist laut Collien ein Muss. Die Felseninsel liegt vor der Westküste Ibizas. Der Blick auf Es Vedrà würde uns berühren, sprachlos machen und mit Energie bereichern, verspricht Collien. Die Insel ragt unbewohnt aus dem Meer empor. Viele Geschichten werden über sie erzählt: Ein Riese habe sie bewohnt ist die eine, eine andere, dass es sich um einen Ufo-Landeplatz handele oder eine weitere, dass sie die Spitze der versunkenen Stadt Atlantis sei.
Der Tag, an dem wir uns auf den Weg zu Es Vedrà machen, beginnt schleppend. Mit Kopfschmerzen, vom vielen Sangria am Abend zuvor, sitzen wir im Auto. Irgendwann kommen wir an – und stehen einfach nur da. Wir sprechen 20 Minuten kein Wort, stellen unabhängig voneinander – und stumm – fest, dass die Schmerzen verflogen sind und der eigene Körper sich so verdammt erfüllt anfühlt. Das ist also Ibiza.

In der Zeit auf der Insel begegnen wir vielen Menschen, alle sind offen und freundlich. Wir leben in den Tag, laufen über Märkte, fühlen uns wie Hippies, ohne Party, ohne Maskerade. Es wird uns klar, Ibiza ist nicht nur der Ort für Superreiche, sondern auch einer für Menschen, die in der Einfachheit des Lebens ihr Glück finden. Menschen, die in Frieden mit sich und der Natur leben, Statussymbolen entsagen und an Spiritualität und Nächstenliebe glauben.
Wir haben das andere Ibiza kennengelernt – und ich will mehr davon.

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